PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Der Perovitvertreter

Stadtleben | aus FALTER 48/05 vom 30.11.2005

... So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe ... Ganz Judäa und die Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus ... er lebte von Heuschrecken und wildem Honig ...

Mk 1, 1-8 (Evangelium am 2. Adventsonntag im Lesejahr B)

Wie es bei mir losging, kann ich mir nur konstruieren. Aus Erinnerungsfetzen ins Heute basteln. Die Männer waren alle in den Kriegen gefallen bzw. am Alter gestorben, denn ich wurde spät geboren, die Eltern hatten vorher Kriege führen müssen. Im Prinzip lernte ich nur Frauen kennen, die hatten die Kriege überlebt. Und mein Vater ging abends generell in den Keller. Also jedenfalls kam nur der Perovitvertreter zu uns zu Besuch und versuchte uns Kraftfutter für die Tiere zu verkaufen. Einmal schenkte uns der Perovitvertreter ein Brotmesser. Dieses habe ich noch heute in seiner Originalverpackung unbenützt in Verwahrung. 

Das dürfte mein Beginn gewesen sein. Wie der zwölfjährige Jesus im Tempel blieb, saß ich beim Perovitvertreter am Küchentisch und redete mit ihm. Niemand von uns wusste, wie er hieß. Er hieß bei uns nur "der Perovitvertreter". Und wie ich später von den Fahrten mit der Westbahn erfuhr, wo am oberösterreichischen Bahnof in St. Valentin noch heute groß Perovit zu lesen ist. Sodass ich, wenn ich durch St. Valentin fahre, wo ich noch niemals ausgestiegen bin, meine geistige Heimat vermute. Es wäre aber denkbar, dass unser Perovitvertreter als neunzigjähriger Kracher noch lebt!

  Dadurch, dass meine Eltern mich fortwährend traten, wenn ich mit dem Perovitvertreter sprach, erkläre ich es mir so, dass ich vom Unbewussten her mich immer offener und freimütiger mit dem Perovitvertreter ausließ, denn er war mein einziger wirklicher Gesprächspartner, der vernünftig mit mir sprach. Wahrscheinlich aber lag es daran, dass mich meine Eltern, weil sie sich meiner schämten, unterm Tisch fortwährend traten. So trieben sie mich zu immer größerer Schamlosigkeit. Jetzt erst recht, wenn ihr mich tretet, dachte mein Unbewusstes und fädelte mich zu Ende. Seitdem schwäche ich mich nur mehr ab. Das ist alles.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige