KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 49/05 vom 07.12.2005

Hinter dem Künstlerhaus kracht es. Der Ausstellungskurator Jan Tabor und die Architekten Cocooner setzen mit Schweizerkrachern ein kleines Modell in Brand. Sie brauchen das demolierte Kartonhäuschen für das Ausstellungsprojekt "Die Enzyklopädie der wahren Werte". Man müsse die deutschen Kaufhäuser anzünden, um den Krieg in Vietnam zu erklären, meinte einst der RAF-Terrorist Andreas Baader. Der Name "RAF" gehört auch zu den Etappen des langen Parcours, den Tabor im Künstlerhaus angelegt hat. Neben Begriffen wie "Brot", "Gold", "Nein", "Treue" oder "Job" sind dort assoziativ Gegenstände gruppiert, am häufigsten Bücher und Zeitungen. Tabors Schau ist durch und durch partizipativ angelegt: Die akkumulierten Objekte kommen von Teilnehmern, und auch der lexikalische Katalog wird sich aus tausend Texten unzähliger Autoren zusammensetzen. Bis 26. Februar wächst die Schau ständig weiter.

  Der Empfangsraum der Ausstellung ist vollständig mit Gegenständen in der Farbe Orange gefüllt. Tabor mag Orange: Er betrachtet es als frei verfügbares Kolorit und historisch unbelastet. Eine Wand mit linken Schriften rehabilitiert die Farbe, die sich das BZÖ zuletzt unter den Nagel gerissen hat. "Die Enzyklopädie der wahren Werte" stellt eine Hommage an Walter Benjamin dar. Der Betrachter soll in die Position des Flaneurs versetzt werden, der im Getümmel Kostbares entdeckt, das anderen verborgen bleibt. Die Schau spielt auch mit der Ununterscheidbarkeit von Kunst und Nicht-Kunst: Es bleibt dem eigenen Empfinden überlassen, was mit Aura aufgeladen wird. Tabors Ausstellung will das bürgerlich-museale Betrachterverhalten aufbrechen und würde am liebsten ganz Wien zur Beteiligung einladen. Insofern liegt es wesentlich am Einzelnen, ob er den Zeichnungen senegalesischer Kinder etwas abgewinnen, über die zahlreichen Spötteleien und Spitzfindigkeiten lachen und aus den vielen Beiträgen eigene Werte und Highlights herausfiltern kann.


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