PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Rorate tief winters, früh morgens

Stadtleben | aus FALTER 49/05 vom 07.12.2005

... Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor und Ruhm ...

Jes 61,1-2a.10-11 (1. Lesung am 3. Adventsonntag im Lesejahr B)

dSo entstand in mir der Gedanke, dass es viel idealer wäre, statt in die Kunsttempel zu pilgern, am frühesten Morgen in ungeheizte Kirchen zur Rorate zu gehen, zu einem völlig vom Glauben abgefallenen Geistlichen, der aber genau weiß, wenn er zugibt, ungläubig geworden zu sein, kriegt er vom Ordinariat kein Gehalt weiterhin und ist also von innigstem Herzen voll schlechten Gewissens, das Priestertum weiter zu treiben. Und wird also nun zum besten und feinsten Zelebrierer. Und alle, die sich von dem Kunstzinnober befreien wollen, kriegen den ganzen Tag frei, wenn sie, statt zu den Schickimickis zu gehen am Abend, frühmorgens beim Ungläubigsten zur durchgeistigtsten Rorate sich setzen, arschkalt. Dann kriegen sie frei von der Regierung und ein Frühstück im Pfarramt und daneben in der Konditorei. Das könnte uns retten. Und ich glaube, so könnte auch noch eine Gottheit entstehen. Indem wir nicht glauben, aber auch nichts vernichten, was gerade unangesehen wird. Und indem wir beginnen, das Angesehene nicht anzusehen, wird es ja zu Unangesehenem. Die Roratemesse im Advent wird angesehen. Ich bin in diesem Punkt sogar so radikal, dass ich schon lange die Meinung vertrete, abends gehört sich keine Messe, die gehört in den frühen Morgen, kurz vor dem Dämmern. Auch die Schlächter schlachten am Morgen, und auch die Henker henken am Morgen mit ihrer Giftspritze. Nur die Mörder, dieses lichtscheue Gesindel, sind abends. Also gehört sich abends keine Messe, denn auch Jesus wurde am frühen Morgen gekreuzigt. Ich rufe also alle Ungläubigen auf, als Mode die Priesterseminarien stürmen zu wollen und hochgemut entschlossen zu sein, nächtens zu sündigen und morgens inbrünstig und ungläubig echt und fest die Stille Messe zu feiern. So könnte Gott sich bilden, wie in einer Packerlsuppe sich eine Haut bildet. Und wenn du sie auf den winterlichen Gang hinausstellst, wird es eine immer dickere Haut, die sich bildet. Das also hat Gott schon gewusst, als er designte. Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit!

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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