PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Liebe schwule Ungläubige

Stadtleben | aus FALTER 50/05 vom 14.12.2005

... Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen ...

Lk 1,26-38 (Evangelium am 4. Adventsonntag im Lesejahr B)

So eine Schande! Wird meine Kirche ausgestellt als Übeltäterin! Noch zu Lebzeiten ausgestellt, in der Neustiftgasse steht ein Priesterkleid, über eine Schneiderpuppe drapiert hängt es, jeder Priester könnte sofort mit ihr zelebrieren, und niemand würde die Schande bemerken. Hannes Sulzenbacher hat eine Ausstellung erwirkt bei dem Wiener Magistrat. Genauso liegt in der Ausstellung der Notariatsakt des laufenden Wiener Kirchenfürsten, über seine Sexualpraxis auf. So viele Wege, all die Beweise einer Geschichte der Unterdrückung und des Befreiungskampfes zusammenzutragen. Es war natürlich eine große Gruppe, die ihm dabei half. Das Messgewand brachte der hinausgeschmissene Pfarrer und Dechant Walhalla in die Sammlung mit ein, samt Stola. Und eine Lesbe zeigt ihre Sammlung von Äxten und Messern. Da wurde der Herr viele tausend Mal transsubstanzioniert! Und Tausende haarscharfe Vaginas zeigt die Ausstellung nackt. Ganz hinten hinter der Mauer, im hintersten Teil, fast einen halben Kilometer vom Eingang entfernt! Sie darf aber nur bis zum 8. Jänner gezeigt werden, dann dreht das Rathaus den Geldhahn wieder zu: Denn so nahe an Wahlen darf nichts, was die gemeine Öffentlichkeit behelligen könnte, im Rahmen der SPÖ-Ideologie Erregung erregen. "Geheimsache Leben". Lesben und Schwule, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert so langsam und schmerzlich durch Zeit und Gesellschaft befreiten. Es ist der Weg noch nicht zu Ende.

  Denn stellen Sie sich vor, Duhsub, ein Memorial in einer Prachtstraße Wiens würde errichtet, als ständige und stolze Manifestation der Gebietskörperschaft, dass hier so viele Jahre und Jahrhunderte die Lesben, Schwulen und Transgenderalen kämpften und starben. Nicht nur in den Konzentrationslagern der Nazis, sondern auch seelisch. Und nun würde der Bürgermeister Häupl das Band durchschneiden, wo ein immerwährendes Institut dieses festhielte, für später Geborene, dass sexuell sein alles aufbietet, dass das Leben ein Fest ist. Der Wiener Kardinal hielte Quatember ab, vier Mal im Jahr, wo alle lesbischen und schwulen und metrosexuellen Priesterinnen und Priester tanzten und trieben!

  Und ich meinereins werde lobend erwähnt in dem Jahrhundert, wo ich nun lebte. Die Inserate, die der Falter, dieses Grund- und Gutherz, mich veröffentlichen ließ, zitternd trug ich sie zu Josef Egger, vorher in die vormalige Gasse, die ich schon vergaß, und nun, nachher in die Marc-Aurel-Strasse, wo ich die Jeans des Buchverkäufers Jahre hindurch anwinseln durfte, und ich hatte so viel Angst vor der Autorität Josef Eggers, und nun jubelt mein Herz, wenn ich ihn sehe. Und für die "Geheimsache" saß der Sekretär der Geheimsache und suchte emsig aus den Falter-Jahrgängen diese Inserate heraus und hing sie in die Ausstellungen hinein, und so entdeckte ich dieses prächtige Mitglied der Wiener Comunity, wo du schon glaubtest, so einen gibt es gar nicht.

  Da natürlich, mit Bedacht, die Ausstellung kein Geld hat, um Plakate zu kleben, Werbung zu treiben, blieb sie geheim. Und also nur mehr drei Wochen - wenigstens für das Lesy des Falter bis 8. Jänner, wo sie dann schließt. Nehmen Sie Hermann Nitsch, Heiliger Vater, zum Zeremoniär, wie ja auch das Burgtheater nicht im Schlaf an Nitsch dachte, und denken Sie an Ihren Bruder Georg in Regensburg, der so unerschreckbar down to earth bleibt.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist unter www.falter.at zu abonnieren


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