VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 51/05 vom 21.12.2005

Was an der letzten Ausgabe des Jahres 1985 gleich ins Auge fällt: Das Titelblatt ist ein Eigeninserat. Es kündigt den Umzug an eine neue Redaktionsadresse an. Entspannt lümmelt einer in einem Fauteuil; ein Strahl scheint ihn herbeigebeamt zu haben. Links ragt schüchtern das Spitzchen eines Tannenzweigs ins Bild. Über allem prangt die zentrale Information: Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien. Soll man es deprimierend finden, dass sie sich bis heute nicht verändert hat?

  Der Kulturteil fällt durch einen Literaturschwerpunkt auf. Damals dachte man offenbar, die Weihnachtspause (sie dauerte auch nicht länger als heute) solle zum Lesen benützt werden. Überall poppten literarische Texte auf, einer von Herbert J. Wimmer ("jungle bells oder habt acht die weihnachtsschlacht") könnte gestern geschrieben worden sein: "es ist unmöglich, nichts zu kaufen. lamerana schiebt sich mit seinem adrenalingesättigten körper durch die drängelnde masse seiner mitbürger, der übergang vom öffentlichen raum der fussgängerzone in das kaufhausinnere ist ein zwangloser. während er waren an sich reisst und geld dafür hergibt, das die registrierkassen füllt, die weihnachtslieder summen, piepsen, gurgeln und zirpen, ereignen sich schmückungen, fallt schnee, schmückt sich die natur, während die menschen die architekturen schmückend verhängen und die innenräume dekorativ ausschmücken. lamerana eilt nach hause. die wälderzüchter haben ihre nadelbäumchen abgemäht und auf den plätzen der stadt abgelagert. sie stossen lockrufe aus: do samma mit de christbama!"

  So war es, so kommt es immer wieder. Dazu jede Menge anderer Texte und ein drei Seiten langes Gespräch zwischen Bodo Hell und Friederike Mayröcker, ebenfalls in der bevorzugten Orthografie von Autorin und Autor. Das kommt nie wieder. A.T.


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