PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Heimelig im Finstern,

Stadtleben | aus FALTER 51/05 vom 21.12.2005

... Wie die junge Frau sich mit dem Jüngling vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauy. Wie die Braut sich freut über den Bräutigam, so freut sich dein Göttchen über dich ...

Jes 62,1-5 (1. Lesung in der Vorabendmesse während der Abenddämmerung zum Weihnachtsfest)

Den Raub verstehe ich schon, den wir Atheisten den vom Glauben Übertretenden bereiten, wo sie in der Enttäuschung landen. Aber die Voranstürmenden erblicken den Augenblick wie die in der Badewanne schlimm Ausrutschenden, nie in der Angst eingeklemmt, sondern alles als großes, befreiendes, bewältigtes Fest. Zuerst einmal kommt vor dem Nichts das Vornichts, und der Jubel, ein großes Abenteuer bezwungen zu haben. Einen guten Rutsch nennen die Leute solch Reportagen dann auch. Und dann vergehen die Jahre, du wirst grau und alt, ziehst dich in deine Jahre zurück. Drehst kein Licht mehr auf abends und nachts, die Leute gehen auf der Gumpendorfer Straße herum, und alle Fenster sind finster. Du aber sitzt dunkelwach in deinem Korbstuhl und ruhst dich vom Schlaf aus und schaust auf die Dächer, wo kein Vogel jetzt sitzt.

  Du sitzt in deinem Sessel, alles ist still, dein Gehör hat sich entwickelt, und du hörst die Autos nicht mehr, ob es Tag ist oder Nacht, und du wirst müde vom Ausruhn und gehst ins Bett. Alle wissen, anrufen würde nur stören. Sie spenden auch Geld, ohne dass du weißt, wer und warum, sodass du zu essen kaufen kannst, bist jetzt einer der ältesten Einwohner Wiens. Du spürst, einige Jünglinge beginnen mit dem Gedanken zu spielen, sich von deinen Greisenhänden ausgreifen zu lassen oder dich auspeitschen zu wollen, wenn du es zu begehren erheischtest. Die Jahre vergehen, du alterst gemütlich und übst in Gedanken, das Sterben zu lernen, es bleibt nur die Angst vor dem Krankenhauspersonal.

  Noch ist der Verfolgungswahn der letzte Zufluchtsort der Hoffnung. Dass doch noch irgendwer in Gedanken in der Reißen dich hätte. Und dann entdeckst du, wie weit deine Übung schon ist, Atheist zu sein. Ob gläubig zu sein oder verfolgungswahnsinnig, ist doch Hirnfluss desselben Lappens. Du kannst also ruhig alles auf einmal wegwischen, wie Zewa wisch und weg.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist unter www.falter.at zu abonnieren


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