SPIELPLAN

Kultur | Peter Fuchs | aus FALTER 03/06 vom 18.01.2006

Der Geschäftsmann Jérôme liest am Flughafen ein Buch von Stephen King. Da spricht ihn ein Fremder an - "ich heiße Texel. Textor Texel. Ich bin Holländer!" - und quält ihn mit Dauerparlando. Wie er die Existenz Gottes durch seinen Verzehr von Katzenfutter ableitet, ist bizarr. Anselm Lipgens hat im Theater Drachengasse Amélie Nothombs Roman "Kosmetik des Bösen" (bis 18.2.) für die Bühne adaptiert und stimmig inszeniert. Anfangs versucht Jérôme (konsequent unfreundlich: Andreas Steppan) den nervigen Textor (viel irre lachend: Oliver Huether) abzuwimmeln. Als Textor aber die Vergewaltigung einer Frau bekennt, steigt Jérômes Interesse am Gespräch. Es folgen weitere Wendungen der Handlung, die jedoch zunehmend vorhersehbar werden. Wie in der Romanvorlage gerät das Ende zum psychoanalytischen Kasperltheater. Das böse Krokodil kriegt eins auf die Nase. Das aber mit beachtlichem körperlichem Einsatz der Akteure.

  Emilia hat Maturastress. Dabei muss sie sich auch noch um die Wohnungsauflösung ihrer verstorbenen Tante Ada kümmern. Während Emilia entrümpelt, taucht Ada plötzlich auf. Ist es ein Traum? Das Theater der Jugend zeigt im Renaissancetheater die Uraufführung von Lutz Hübners "Die letzte Show" (bis 2.2.). Die flippige Tante nimmt ihre verkniffene Nichte und deren einbetonierten Lebensplan launig ins Kreuzverhör. Eins nach dem anderen bricht auf: der egoistische Freund, die schulische Versagensangst, das Diktat des Schönheitsideals. Dem gegenüber stellt Hübner Adas locker-bewegtes Leben, wobei er smarterweise auch die Schattenseiten dieses Entwurfs zeigt. Ein wunderbar temperiertes Ensemble fetzt durch die von Erhard Pauer pointenreich inszenierte Revue: Message ohne Moralinsäure für Leute ab 13 Jahre. Am Schluss ist das Selbstbewusstsein Emilias gestärkt, sie wird sich optimistisch auf die Wagnisse des Lebens einlassen. Ada kann jetzt wirklich gehen; den Abschied spielt Viktoria Schubert wunderschön und unsentimental traurig.


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