VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 05/06 vom 01.02.2006

Wie alles anfing: So unsichtbar war er gar nicht, der Paradigmenwechsel. In den Achtzigerjahren kritisierte der ehemalige Chefredakteur der AZ und prominente linke Sozialdemokrat Paul Blau im Falter den Beginn der Ära des neokonservativen Glaubens. Als notwendige Sanierungsmaßnahmen mit neoliberalen ideologischen Intentionen verknüpft wurden, schrieb Blau:

"Das Gleiche hören wir heute, wobei noch hinzugefügt wird: Marode Betriebe sind zuerst aus Eigenmitteln (Verkauf von Anlagen, Tochterbetrieben, Grund und Boden usw.) plus staatlichen Zuschüssen zu sanieren und - florieren sie wieder - zu reprivatisieren. Damit sie ,entpolitisiert' werden.

Ein Jahrzehnt lang hat die Verstaatlichte Industrie durch Waren-und Erdöllieferungen die Forderungen der Sowjetunion erfüllt, um die Eigentumsrechte der Republik zu sichern. Jahrelang hat sie Preisabstinenzpolitik geübt - als Voraussetzung zur Beschleunigung des Wiederaufbaus, weil sie damit die nachgeordnete Privatindustrie begünstigte und den Preisauftrieb dämpfte.

Als nach dem Koreakrieg der Frieden ,ausbrach', wie es damals in der exportorientierten Edelstahlindustrie bedauernd hieß, drohten so wie heute Massenentlassungen. Das ,Waldbrunner-Ministerium' schrieb an die Direktionen: ,Es wird geradezu als Maßstab für die Bewährung der Unternehmensleitung aufgefasst werden, wie weit es ihr gelingt, die Schwierigkeiten durch Maßnahmen zu überwinden, die nicht in Entlassungen ausmünden.'"

An dem zitierten Erlass beeindruckt nicht nur der Geist der Sache, sondern auch das Niveau der bürokratischen Sprache. Die Vermutung liegt nahe, dass Paul Blau selbst den Text des Erlasses mitformuliert hat, war er doch "von 1950 bis 1956 in der Personal-und Sozialabteilung des Bundesministeriums für Verkehr und verstaatlichte Betriebe, davon die letzten Jahre deren Leiter", wie die Autorenzeile mitteilt. A. T.


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