STANDPUNKT

Viel zu freundlich

Politik | aus FALTER 05/06 vom 01.02.2006

Europa ist schrecklich höflich. Die Kommissare und Regenten sind es gewöhnt, einander mit diplomatischen Floskeln zu überhäufen. Selbst wenn einem EU-Politiker fast schon der Kragen platzt, lächelt er seinem Gegenüber auf offener Bühne stets galant ins Gesicht. So auch beim von der österreichischen Regierung veranstalteten Selbstfindungsseminar "Sound of Europe" am Wochenende in Salzburg. Alle Welt weiß von den argen Differenzen zwischen den Mitgliedsstaaten, trotzdem wurden sie gerade einmal angedeutet. Kaum einer aus dem Kreis der Mächtigen nannte die Probleme beim Namen. Lieber philosophieren die Granden über die historische Bedeutung der Einigung, dank der Europa Faschismus und Kommunismus überwunden habe. Nun ist es unbestritten, dass die EU seit dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich zum Frieden in Westeuropa beigetragen hat - doch einem der zwanzig Millionen Arbeitslosen hilft diese ständig wiedergekäute Erkenntnis nicht weiter. Erfrischender wäre es, wenn sich die noblen Bosse der EU einmal so richtig streiten würden: über Jobkiller und Steuerdumping, neoliberale Eiferer und sture Protektionisten, egoistische Staatschefs und verbohrte Bürokraten. Aber nicht hinter geschlossenen Türen in ihren Brüsseler Burgen. Sondern vor den Augen der Öffentlichkeit. Wie das in einer Demokratie üblich sein sollte. G. J.


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