STREIFENWEISE

Kultur | Michael Omasta | aus FALTER 05/06 vom 01.02.2006

Ganz unwirklich kommt einem das vor, wenn Udo Samel mit leicht schläfrig wirkender Stimme aus Joseph Goebbels' privaten Tagebüchern die ungeheuerlichsten Dinge vorliest: Wie freudlos doch seine Jugend war, welch abgründiger Pessimismus ihn von früh an prägte, oder wie stark der Eindruck war, den die Lektüre von Thomas Mann dereinst auf ihn machte. Die wichtigste Anwort bleibt "Das Goebbels-Experiment" von Lutz Hachmeister und Michael Kloft leider schuldig, nämlich, was man mit all diesen gewiss sorgfältig recherchierten Informationen anfangen soll. Unmengen von Archivmaterial, flott geschnitten und ziemlich lückenlos mit Musik unterlegt, bringen uns das persönliche, um nicht zu sagen "menschliche" Schicksal des Chefpropagandisten der nationalsozialistischen Sache nahe. Ach, wie gruselig das kitzelt! Der dokumentarische Anstrich des Films ist reine Formsache, sein Programm nicht Aufklärung, sondern Verdunkelung. Ein deutsches Melodram, im besten Falle ambivalent.

Nach einem Prozess, den der Schauspieler Harry Piel gegen ihn anstrengte, musste Piel Jutzi seinen Vornamen auf Phil umändern. Das ist nicht der einzige Bruch in der Karriere von Phil Jutzi, dem "Arbeiterfilmer" (1896-1946), dem das Filmarchiv im Metro eine große Retrospektive widmet. In den Zwanzigern galt Jutzi, ein überzeugter Kommunist, als einer der bedeutendsten Filmregisseure der deutschen Linken; 1933, nach einer Reihe gescheiterter Projekte, wechselte er die Seiten, wurde Mitglied der Nationalsozialistischen Partei und arbeitete vor allem im Bereich des Kurz-und "Kulturfilms" weiter. Neben seinen großen Filmen ("Mutter Krausens Fahrt ins Glück" und "Berlin Alexanderplatz") steht auch Jutzis ephemeres Filmschaffen auf dem Programm. Darunter auch "Ums tägliche Brot", ein 1929 unter Leitung von Leo Lania entstandener "Bericht" aus den schlesischen Kohlerevieren, der zu den Höhepunkten des Kinos der Weimarer Zeit schlechthin zählt.


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