PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Träne entkam Lid

Stadtleben | aus FALTER 09/06 vom 01.03.2006

In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste ...

Mk 1,12-15 (Evangelium am 1. Fastensonntag im Lesejahr B)

Jetzt habe ich meinen Organismus so weit in die Schwebe gekriegt, sterben zu können, ja sogar - kurz aufwallend - sterben zu müssen, also zumindest im Ernst zu wissen und einzuwilligen, dass er sterben wird, bereit zu sein ab nun. Es lag ein Friede über mir. Wir haben ja alle nur zweiwinkelige Augen, und aus dem linken Auge, exakt im rechten Winkel des linken Auges, entwischte im nämlichen Zeitpunkt mir ein Tropfen Tränenflüssigkeit. Die Lider wischen uns die Augen, denn hätten wir die Tränen nicht, kratzte uns alles im Aug, der Sandkorneffekt, und die Augenwischautomatik war dank meiner Facialisparesen, also meiner beiden Gesichtslähmungen, natürlich weit zu langsam, sodass der Trost sich voll ereignete und der Friede alles erfüllte, als der Tropfen auf den Bauch tropfte und weiterrann, hinunter, und sich den bitter dürstenden Mäusen mundschenkte: Friede im Bauchraum. Es ist vollbracht, nichts weiter zu vollbringen, mehr vermag ich nicht, bin angekommen unten, also oben. Und verzieh auch der Gottheit, dass es nicht zu ihr kam, also jedenfalls sich und uns zu wissen. Sie mag ja existieren, aber will das nicht wissen, so wie ich einschlafen werde, einatmend: gehend, versinkend, verzichtend, erfüllt. Dank der gelähmten Lider tropft so manche Träne, die ungelähmte Augenlider aufwischen können, und so die volle Wahrheit ein bisschen vertuschen.

Und ich stehe täglich vom Bett auf, gehe zu meinem Computer, der da sitzt, und schaue in den Suchmaschinen nach mir. Bis ich ermüde und der Magen mir knurrt. Größtes denkbares Glück, der Magen knurrt, und eine Träne löst sich synchron. Und auf der Straße begegnen einander zwei, die sich bereits leiden können. Noch größeres Glück, zwei begegnen einander im Freien und wissen in dem Moment, dass sie sich sympathisch sind. Wenn ich nur ein Einkommen hätte, oder wenn mich wer ins Bulgarische übersetzte, vielleicht entdeckt mich dort ein Mensch, fühlt sich ein und brunzte mich an, in seinem Keller, als Trinkpissoir, wo er mich zum Sklaven hält, dürste mich wie das Mäuslein mit offenem Maul.

Die ungekürzte Version der "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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