PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Die Weichheit zwischen den Menschen

Stadtleben | aus FALTER 10/06 vom 08.03.2006

In jenen Tagen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! ... Nimm deinen Sohn ... und bring ihn ... als Brandopfer dar ... Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten ...

Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18 (1. Lesung am 2. Fastensonntag im Lesejahr B)

Als ich 1969 16-jährig mit dem Dampfzug und "der Mama und der Duchent im Gepäcksnetz" nach Wien ins Meidlinger Kolpingheim kam, war Erich Eggenweber der Heimleiter dort. Dreißig Jahre sind vergangen, dass ich Erich Eggenweber aus den Augen verlor. Und nun kam die Nachricht, dass er mit seiner Gattin fünf Kinder hatte und es inzwischen zehn Enkel wurden, also eine 22-köpfige Familiengruppe sich bildete, und "Hausvater Erich" der Rührigste und der Gläubigste blieb, die hellst denkbare Persönlichkeit, und am 8. Februar bei einem Waldspaziergang den Sekundentod starb. Am Tag zuvor ist er noch Eis gelaufen.

Also am Tag des Opernballs stand der Sarg Erich Eggenwebers aufgebahrt in der Halle 3/Tor 3 des Wiener Zentralfriedhofs. Und es ereignete sich ein Satz des Predigers Eduard Schachinger über den Verstorbenen: "Seine Großzügigkeit stellte die Weichheit zwischen den Menschen wieder her." Es war eine große Gruppe Geistlicher zum Begräbnis gekommen, darum dauerte dann auch das Aufstellen nach der Einsegnung in der Aufbahrungshalle so lang, dass ich es wagte, zur Toilette am Parkplatz zu müssen, und es war natürlich kein Haken für die Winterbekleidung da, nur mehr die Löcher, wo es die unglaublichen Menschen, seit ich denken kann, herausschrauben, weil sie sich einen Haken zu kaufen sparen. Es müsste doch endlich die ganze Erde mit Kleiderhaken erfüllt sein. So müssen die feinsten Greisinnen, wenn sie ihre Gatten begraben, ihre Kleidung am Boden ablegen. Sogar meine wurde nass vom benetzten Boden des Klos, wo ich sie hinlegte. Und das meine ich mit dem lebenslänglichen Sorgen des Hausvaters Erich, er wäre noch um Mitternacht durch alle Räume, um zu schauen, ob überall sich Kleiderhaken befänden. Und ohne ein Wort hätte er welche wiederbeschafft. Aus dieser Großzügigkeit bildet sich der Komfort der Erde.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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