VOM GRILL

Die Finger des Vaters

Steiermark Stadtleben | Mathias Grilj | aus FALTER 10/06 vom 08.03.2006

A n meinem Vater mochte ich nicht viel, seine Finger aber mochte ich. Krumm und seltsam verwinkelt. Es gibt Fingerreime wie "Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen ..." Die Finger meines Vaters jedoch dokumentierten keine ausgedachten Abenteuer. Da war alles erlebt.

Einer brach beim Sturz vom Birnbaum. Einer beim Sturz vom Pferd, vom Seitpferd, Vater war Turner. Einer wurde beim Fußball, Vater war Tormann, vom Gegner zermanscht. Bis zum Tode wiederholte er, dies sei halt passiert. Als wollte er verhindern, dass ich dafür Rache nehme. Einer ging beim Holzhacken drauf. Ein weiterer, als eine Autotür zugeknallt wurde. Passiert. Und drei erfuhren, wie das ist, wenn ein beleibter Gentleman der nationalbestialischen Staatspolizei nur seine liebe Pflicht tut und mit Stiefeln auf den Händen eines Elfjährigen herumtrampelt. Danach spielte Vater nicht mehr Geige.

Er wollte, dass seine Geschichten fröhlich enden. Also konnte er viele nicht erzählen. Er kitzelte uns mit dem schrägen Zeigefinger unter dem Kinn. Im Speckkasten, sagte er.

Jetzt sagt in Graz - die Glosse handelt wie stets ausschließlich von Graz - ein Kind zu mir: "Musst du immer Geschichten schreiben? Traust dich nicht herkommen, ha? Weil dann kitzel ich dich."

Und ich, mit Glück beschenkt, höre sofort zu schreiben auf und gehe unverzüglich kleine Leute kitzeln, im Speckkasten.


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