Jesus oder Auschwitz?

Verena Mayer | Extra | aus FALTER 11/06 vom 15.03.2006

FAMILIENROMAN In "Der längste Tag des Jahres" versammelt Tanja Dückers fünf maulfaule Geschwister um den Sarg des Vaters.

Alle Familien ähneln einander in der Art zu schweigen. Über manche Dinge wird einfach nicht gesprochen, und eine Familie wird alles tun, um von diesen Dingen abzulenken. Familiengeschichten zu schreiben heißt, über Unausgesprochenes zu schreiben. Sie sind dann am besten, wenn sie die jeweiligen Lebenslügen und Stillhalteabkommen abbilden, ohne große Worte zu verlieren; wenn aus belanglosen Abläufen und Details System wird. Gute Familiengeschichten sind immer auch Alltagsgeschichten.

Die Autorin Tanja Dückers, Jahrgang 1968, lange Zeit abonniert auf die mehr oder weniger interessante Beschreibung von Berliner Szeneexistenzen ("Spielzone", "Café Brazil"), hat schon eine Familiengeschichte verfasst. In "Himmelskörper" aus dem Jahr 2003 war das Außergewöhnliche das Nächstliegende. Die Tochter, aus deren Sicht erzählt wurde, war Wolkenforscherin, die Mutter

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