Phettbergs Predigtdienst

Allerweggeschmissenst

Stadtleben | aus FALTER 11/06 vom 15.03.2006

... Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten ...

Joh 2,13-25 (Evangelium am 3. Fastensonntag im Lesejahr B)

Der sagte das nur, damit ich das höre! Als ich vom Klo zurückkam, sprach Pohl zu Affenzeller laut und deutlich, "dass es nicht einmal wert sei, weggeschmissen zu werden". Dies ist jetzt schon Jahre her, aber es detoniert noch immer fort und fort. Denn wenn etwas weggeschmissen wird, dann bin ich immer besessen davon, es zu verhindern. Alles soll gerettet werden, dokumentiert, rekonstruierbar bleiben. Und drum mischte ich mich sofort in das Gehörte ein und quetschte den Pohl aus, aber er ließ sich nicht. Nicht die kleinste Lüge war ihm wert, was um Himmels willen nicht einmal des Aufbewahrens wert wäre, und er stammelte Stunden herum, bis er ganz böse wurde und ich mich nicht weiter traute, es herauszufinden. Also argwöhnte ich und argwöhne bis heute, er habe dies nur gesagt, als ich vom Klo zurückkehrte, damit ich es höre. Und er mir nicht direkt sagen müsste, mein Scheißdreck sei nicht einmal wert, aufgehoben zu werden. Also mein Geschreibsel natürlich. Und ich will ja sogar den Schlager anflehen, meine Homepage als Büchlein drucken zu lassen, damit sie eine ISBN-Nummer kriegte, und wenn ich stürbe, beruhigt sterben könnte, denn es wäre alles gedruckt.

Jetzt droht die Pandemie, und ich sterbe spurlos. Niemand mehr wird mein Peinhaus drucken, Pfister und Zweifel, meine Hennen, nichts ins Französische übersetzen. Niemand mehr wird kommen, um mir Senge zu geben. Ich lebte in Wien und kam nicht los. Würden Pfister und Zweifel heute beginnen, Phettberg ins Französische zu übersetzen, so groß wie sie de Sade übersetzten, wär mein Tod etwas wert, so aber sterbe ich spurlos und ohne Ruhe und schwul und ohne Kinder. Kinder wären mir nicht wichtig, nur ich, damit etwas bliebe. Denn es graust ihnen, wenn sie einen dicken Alten denken, dessen gieriges, fahles Fleisch nach Prügel, Käfig und Halsband vergeblich giert, und nie damit aufhört, bis es verstirbt. Und es hat niemand ein Herz. Unternalb liegt in Österreich und ich bald im Grab.

Die ungekürzte Version des "Predigtdiensts" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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