VOM GRILL

Fließen und Flüsse

Steiermark Stadtleben | Mathias Grilj | aus FALTER 11/06 vom 15.03.2006

Ich bin an einem Fluss aufgewachsen, das macht eine seltsame Sehnsucht. Ich kenne die Nymphen und Geister, die immer aus den Nebeln rufen. Jedenfalls hätte ich die Straße unter meinem Fenster gern geflutet. Soeben höre ich Marilyn Monroe mit der Tapferkeit von Leuten, die nicht singen können, singen: "I can hear the river call: no return." Sie macht es wunderschön.

An einem Fluss, am Nil, hockte ein Greis, der mich auf einen Tee lud, den er gekocht hatte auf offenem Feuer am Straßenrand, dann der Tausch der Zigaretten. An einem Fluss, am Miljacka in Sarajevo, habe ich vor Angst vor serbischen Scharfschützen fast in die Hose gemacht. An einem Fluss, am Tiber, schlug ich auf eine Hand, die an meiner Geldbörse riss, es war die Hand eines Kindes. Auf einem Fluss, am Rhein, ein düsterer und trüber Tag, sah ich einen Schlepper ziehen, aus der Kajüte kam eine junge Frau und hängte Windeln auf, so viel Fürsorge, so viel Schönheit. An einem Fluss, an der Moskwa, habe ich einen Blaulichteinsatz der Polizei provoziert, weil ich mit Uniformierten geschrien hatte; sie wollten mich einfach nicht zu Tschechovs Grab lassen. An einem Fluss, an der Seine, dachte ich, wie es Paul Celan ging, dem Guten und Zerfetzten.

Etc.

Die Mur, Rolf Dieter Brinkmann sah sie als die wilde Mur - von oben hat sie manchmal eine nur schwer zu überwindende Sogkraft.


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