OHREN AUF! Zeitlos & zeitgemäß

Kultur | Carsten Fastner | aus FALTER 15/06 vom 12.04.2006

Wenn es eine Musik gibt, die alle Zeit vergessen lässt, dann muss es diese sein. Scheinbar ohne Anfang und Ende strömt sie in höchster Vollkommenheit dahin, wie ein langer, ruhiger Fluss ändert sie ihre Gestalt nur im Inneren, stets in Bewegung, doch unbehelligt von Zäsuren - hermetisch, verinnerlicht, absolut. Nicolas Gombert (ca. 1495-1560) hat sie komponiert, und der Trick, die Kunst, mit der er solch ebenmäßige Zeitlosigkeit zu evozieren vermochte, ist nur im Prinzip leicht erklärt: Wie kein Zweiter verstand es dieser späte Meister der frankoflämischen Vokalpolyphonie in Diensten Kaiser Karls V., ein engmaschiges Geflecht von zumeist fünf oder sechs selbstständigen und absolut gleichwertigen Stimmen zu knüpfen, wobei er jede Stimme einsetzen lässt, noch bevor die vorangehende ihr Thema abgeschlossen hat.

Die Raffinesse, die Gombert in diesem imitierenden Stil an den Tag legte, erschließt sich letztlich wohl nur analysierenden Experten. Doch ihre Wirkung wird hörbar, wenn


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