Fragen Sie Frau Andrea

Balkonien

Stadtleben | aus FALTER 15/06 vom 12.04.2006

Liebe Frau Andrea,

als Ex-Wahl-Grazer und nunmehriger Wahl-Wiener wunderte ich mich bei meinem letzten Grazbesuch über die dortige Fülle an Balkönern, an deren Seltenheit die Wienerstadt meiner Meinung nach doch sehr leidet. Erklärungsversuche anhand des Breitengrades scheitern ob ihrer hohen Dichte in einigen nördlicheren Gefilden. Hätten Sie eine Erklärung auf Lager?

Dank & Gruß,

Andi, Internet

Lieber Andi,

die balkonare Schütterheit der Wiener Fassaden hat durchaus klimatische Gründe. Im Gegensatz zum Grazer Wetter, das gerne wie ein staubiger Wattegupf über der Stadt sitzt, bläst und tost es in Wien seit Menschengedenken. Keine günstige Konstellation für die Entwicklung einer mediterranen Balkonkultur. Auch den Erker, der im föhngepeitschten Innsbruck von jeder Hauswand lacht, kennen die Wiener nur als gründerzeitliches Architekturdetail. Im Gegensatz zu den Grazern pflegen die Wiener allerdings das Genre des politischen Balkons. Von großer Nachhaltigkeit auf die Geschichtsbebilderung der Republik ist der Balkon des Oberen Belvedere, auf dem Leopold Figl und Kollegen ihre Staatsvertragsunterschriften präsentierten. Berüchtigt auch der pompöse Balkon der Neuen Hofburg, auf der Adolf Hitler den "Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich" verkündete. Später sollten dort Nobelpreisträger Eli Wiesel und Simon Wiesenthal mahnende Worte an das Lichtermeer richten. Die berühmte Bejubelung nahm Karl Schranz übrigens auf dem Ballhausplatzbalkon entgegen.


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