Russische Versuchung

Vorwort | Gerald Knaus | aus FALTER 18/06 vom 03.05.2006

KOMMENTAR Nach den jüngsten Unruhen in Südostanatolien blickt die EU wieder besorgt Richtung Türkei. Zu Recht?

Warum will die Türkei eigentlich in die EU?", fragte der russische Präsident Wladimir Putin am Rande eines Interviews im Herbst 2004 einen erstaunten türkischen Journalisten. Warum soll sich ein stolzes Land europäischen Diktaten unterwerfen, anstatt mit seinen geostrategischen Pfunden zu wuchern, sich jede Einmischung zu verbitten und sich in den Beziehungen zu Europa die Rosinen aus dem Kuchen zu picken?

Im Herbst des Vorjahres war die Antwort der meisten Türken, von der Regierung bis zur Opposition, von der Zivilgesellschaft bis zum Generalstabschef der Armee, darauf eindeutig: Nur mehr Demokratie, Wirtschaftsreformen und Bemühungen um eine EU-Mitgliedschaft brächten das Land voran. Der Vergleich mit Russland ist erhellend. Während im Norden des Schwarzen Meeres ein von ehemaligen KGB-Offizieren gelenkter Staat seiner schwachen Zivilgesellschaft die Luft zum Atmen raubte,


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