KUNST KURZ

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 18/06 vom 03.05.2006

Der englische Begriff "garland" trägt verschiedene Bedeutungen. Er bezeichnet ein Blumengebinde oder einen Kranz ebenso wie eine Sammlung von kurzen literarischen Stücken, Gedichten oder Balladen. "Garlands" nennt der amerikanische Künstler T.J. Wilcox seine hinreißende Sammlung von Kurzfilmen, die derzeit in der Galerie Meyer Kainer (bis 31.5.) läuft. Wilcox' Miniaturen kreisen um Schönheit, wie sie durch Verlust und Erinnerung erkennbar wird. An den Filmen bezaubert ihr Einschlag ins Mythenhafte, den Wilcox jedoch nie ins Pathos kippen lässt. So widmet sich etwa ein "Garland" den berühmt-exzentrischen Bewohnern des Pariser Place Vendôme, zu denen der bereits todkranke Frederic Chopin und die eitle Comtesse de Castiglioni zählten. Ein anderer der mit Text unterlegten Kurzfilme erzählt von einer Frau, die mit Schwänen sprechen kann. Wilcox geht dem Schoßhund der letzten Zarenfamilie nach, der mit den Romanows exekutiert wurde. Auch american beauties kommen vor - etwa Reiterinnen, die ein Rodeo wie Cheerleader begleiten. In einem anderen Film beschreibt Wilcox eine Busfahrt über Long Island, die als Strecke den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens ergibt: W. Gerahmt werden die einzelnen Filme durch Aufnahmen von Hausportalen, die als Verzierung steinerne Blumenkränze tragen.

Wilcox integriert Fotos, Collagen, Found-Footage und Trickfilmelemente in seine an die Arbeiten des US-Filmers Jonas Mekas erinnernden Super-8-Filme, die ein aufwendiges Transfer-und Bearbeitungsverfahren durchlaufen. Öffentlich zeigt der Künstler seine Arbeiten ausschließlich auf Filmmaterial, und so rattern auch jetzt in der Galerie sechs Projektoren vor sich hin. Schon allein dieses Geräusch erzeugt eine eigene sentimentale Stimmung. Die Arbeiten halten die Spannung zwischen Verspieltheit und Nachdenklichkeit, so, als würde hier jemand seiner eigenen Vergangenheit als melancholisches Kind gedenken.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige