SPIELPLAN

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 19/06 vom 10.05.2006

Der Dramatikerwettbewerb "Drama X", der am vergangenen Samstag im Wuk seine dritte Auflage erlebte, hat sich als Fixpunkt der Off-Theater-Saison etabliert. Das von den Regisseuren Ali M. Abdullah und Harald Posch organisierte Event funktioniert nach dem Prinzip Überforderung: An einem langen Abend kommen zehn kurze Stücke zur Aufführung, wobei die Probezeit äußerst knapp bemessen ist. Perfekte Kunst darf man sich unter diesen Bedingungen natürlich nicht erwarten, aber der sportive Charakter der Veranstaltung erzeugt eine aufgekratzte Atmosphäre, die stärker ist als manch schwächerer Beitrag. Besonders gespannt durfte man heuer auf das Stück des berühmten Mörders Helmut Frodl sein, der unter dem Namen Hugo Berg eingereicht und erst nach der Juryentscheidung das Pseudonym gelüftet hatte. "Sie wollen doch entlassen werden" erwies sich als szenischer (Gefängnis-)Psychiaterwitz mit überraschender Schlusspointe; der lustigste Teil des Abends ging bei der Preisverleihung zu Unrecht leer aus.

Das politisch korrekte Betroffenheitstheater lebt! Ein besonders schlimmer Fall ist derzeit im Dschungel Wien zu besichtigen. Das Wiener Theatro Piccolo hat in Co-Produktion mit dem Ensemble Iyasa aus Simbabwe die wahre Geschichte von China Keitetsi auf die Bühne gebracht, die in Uganda als Achtjährige von Guerillas verschleppt und zur Kindersoldatin gemacht wurde. Keine Frage: Das ist ein Thema, auch fürs Theater. Aber bitte nicht so, wie Picco Kellner (Buch) und Christian Suchy (Regie) es in "China K. - Das Tagebuch einer Kindersoldatin" (bis 20.5.) angehen. Während die afrikanischen Darstellerinnen und Darsteller singen, trommeln und tanzen, schleicht Erzähler Kellner ("Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil ich leiden kann!") gramgebeugt über die Bühne, als hätte er die ganze Schuld der Welt auf sich geladen; spätestens wenn der ugandische Bürgerkrieg mit dem Holocaust gleichgesetzt wird, lässt sich Naivität von Dummheit nicht mehr unterscheiden. Ein sehr gut gemeinter Abend.


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