STREIFENWEISE

Kultur | Drehli Robnik | aus FALTER 21/06 vom 24.05.2006

In zwei fetten Neustarts gibt Ian McKellen den hageren Verräter: einmal unter Mutanten, das andere Mal unter Gralsjägern. Bei Ron Howards "Da Vinci Code - Sakrileg" ist alles im Vorhinein klar: Auch die schweren Louvreschinken, urschwierige Fremdwörter und sonstige (Euro-)Kulturkapitalien inklusive katholischer Folklore dürfen als bekannt gelten, ebenso die im Castingkalkül erstarrten Mimenroutinen der Stars. Gemäß der breitgewalzten Pointe, dass Gott menschlich, der Gral mitten im Massentourismus versteckt und jegliches Mysterium immer schon im Horizont unseres Alltagsbewusstseins geborgen ist, wird die Heiligsprechung von Selbstverwirklichungspsychologie zum Programm. Große Offenbarung im lauwarmen Bereich, ein ebenso redseliges wie spannungsfreies Megaevent, das alle "aufregt", aber merklich niemanden stören will, die erste global verwertete "Tatort"-Folge, der erste "Indiana Jones" ohne Humor und Spektakel, kurz: ein Film zum Nebenbeibügeln oder-duschen.

Trost im Zeichen der Trauer bietet "X-Men - Der letzte Widerstand". Weil "X-Men"-Hausregisseur Bryan Singer der Arbeit an "Superman" den Vorzug gab, setzt Konfektionist Brett Ratner dem Superheldenzyklus ein passables Ende, mit viel Bombastik, wenig Großem und manch starkem Digitaleffekt, den Oneliner und parallelmontierte Schlägereien belasten. Zugespitzt ist die Politmetaphorik rund um die Verfolgung übernatürlich Begabter durch die Mehrheitsmenschheit: Ein "heilendes" Serum verheißt Zwangsnormalisierung der Mutanten und bewirkt neue Bündnis-und Identitätskrisen der verzichtsgeübten X-Men. Momente obszöner oder schmerzlicher Entblößung stechen hervor: Wolverine halb und Mystique ganz nackt, die Stümpfe der ausgerissenen Flügel eines Engelsmutanten, die KZ-Häftlingsnummer auf dem Arm des greisen Magneto. Eine traumatophile Trilogie, deren erste Szene in Auschwitz spielte, endet an den Gräbern einiger unserer Lieblings-X-Männer und-Frauen.


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