VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 23/06 vom 07.06.2006

Historische Schrecksekunden nehmen sich im historischen Rückblick noch etwas länger aus. Zu den wenigen, die nach Tschernobyl rasch und adäquat reagieren, gehörte die Muehl-Kommune. Lobend stellte eine Glosse im Falter fest, dass sich die Kommunarden in der Parndorfer Heide einen Geigerzähler aus dem nahen Seibersdorf besorgt, ihre schwangeren Frauen nach Teneriffa ausgeflogen, über Kinder Hausarrest verhängt und an den Haustüren Schleusen eingerichtet hätten. "Am Freitag vor Pfingsten, so die Auskunft, hatte sich die Strahlenbelastung im Regen hinreichend normalisiert; am Abend zeigte Otto Muehl erstmals nach 18 Jahren wieder neue Bilder, und anschließend ging es ins Kino (in den Picasso-Film von Therese P.)."

Die Falter-Reaktion auf Tschernobyl setzte hingegen mit leichter Verzögerung, aber umso machtvoller ein. Das Unglück begann am 26. April; für den am 6. Mai erschienenen Falter gingen sich nur ein paar kurze Anmerkung aus, etwa eine zynische Glosse, zugegeben, von mir, die sich über die Medienhysterie lustig machte und am Ende noch eins draufsetzte, indem sie dem Falter-Publikum zum Trost eine angeblich mit Jod getränkte Ecke zum Lutschen anbot. Kommt einem gar nicht mehr so absurd vor; die Zugabenkönige des Fellnerismus haben die Schamschwellen ordentlich gesenkt.

Aber zwei Wochen danach: da gabs nicht nur die Muehl-Glosse, da gab's die 11-Seiten-Strecke, mit Texten über Radioaktivität und Angst, über das Leben im Schutzraum und ein großes Gespräch mit dem Atomexperten Peter Weish, dem Kinderarzt Ferdinand Sator und dem Physiker Peter Bossew zum Thema "Was soll ich mit meinem Schnittlauch machen?". A. T.


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