STANDPUNKT

Unwillensfreiheit

Politik | aus FALTER 23/06 vom 07.06.2006

Es ist ein merkwürdiger Freiheitsbegriff, der in der neuen Patientenverfügung steckt. Jeder kann jetzt also - für 120 Euro bei Anwalt oder Notar - vorab schriftlich festlegen, wie er medizinisch nicht behandelt werden will, wenn er einmal wegen Krankheit oder Koma unfähig ist, diese Entscheidung selbst zu treffen. Dem Willen des Patienten soll auf diese Weise mehr Gewicht verliehen werden. Leider geht das neue Gesetz völlig am Kern des Problems künftiger medizinischer Versorgung vorbei: Nicht was wir morgen kriegen, sollte uns besorgt stimmen, sondern das, was wir dann vielleicht nicht mehr bekommen. Weil wir schlecht oder gar nicht versichert beziehungsweise alt und lästig geworden sind. Jeder wünscht sich, sein Leben eines fernen Tages in Würde beschließen zu können. Doch qualvoll und wehrlos und wider Willen künstlich am Leben erhalten zu werden, ist in der Praxis nicht das Problem. Sinngemäß entspricht die Patientenverfügung einem Testament, mit dem man enterben, aber nichts vermachen kann. Welch großartiger Triumph des Unwillens! Auf andere Bereiche übertragen hieße das: Arbeitnehmerverfügungen zum Schutz vor zu üppigen Pensionszahlungen. Konsumentenverfügungen, um im Alter nicht sinnlos zu prassen. Bildungsverfügungen gegen unerwünschten Wissenszierrat. Reichlich absurd, oder? M. G. B.


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