PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Trottelvolkbetrachtung

Stadtleben | aus FALTER 23/06 vom 07.06.2006

... Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde ...

Mt 28,16-20 (Evangelium am Dreifaltigkeitssonntag im Lesejahr B)

Es ist ein Tête-à-tête zwischen Bevölkerung, Regierenden und Medien. Sie haben Angst, die Quoten nicht zu schaffen, und es kommt gar niemand auf die Idee, ein Mensch werden zu können, weil ja alle schon, von den Nazis vor sechzig, siebzig Jahren ausgerottet, längst nicht mehr leben, und der Herbert Hufnagl, der über unsere Trottelzucht im Kurier täglich schrieb und nun eben auch schon verstorben ist. Und so wirst du zum Duckmausy, und alle werden es, und dann rutscht dir im Fernsehen plötzlich aus, es handle sich um ein Trottelvolk eben, weil wir kein Zeitungspapier im Lande hätten, und also erbärmlich nichts schreiben könnten, weil es niemand drucken könnte. Dann sitzt du da, Monate später, und grübelst und grübelst, wieso sind wir, ausgerechnet wir ein Trottelvolk? Wieso schimpfst du Österreich ein Trottelvolk und Europa zum Beispiel nicht einen Trottelkontinent oder die Erde einen Trottelplaneten? Und dann erscheint die Riege am Samstag, wo der Volksanwalt auftritt und es das Oberste Gericht verwirft, dass in Österreich die gleichen Briefkästen kommen dürfen, wie sie die 250 Millionen Europäer schon seit Jahrzehnten haben! Und jetzt weiß ich die Antwort: Österreich ist ein Trottvolk, weil es die Postkästen verwirft, die ganz Europa hinnimmt.

Also, ich bin ja von der Deutschen Bahn gerichtlich verurteilt worden, zwei niederländische Schaffnys so beleidigt zu haben vor einem Jahr, dass ich dafür 2000 Euro Strafe zahlen muss. Und dieses Urteil traf mit einem ganz gewöhnlichen 55-Cent-Brief ein. Ich hätte dagegen berufen können, und dann kam Monate danach wieder ein Brief mit einer 55-Cent-Marke. Also die Bundesrepublik regt das nicht wirklich auf, während ich aber in Wien ein RSB-Schreiben kriegen würde, mich aufs Postamt schleppen müsste und so weiter. Aber die schicken eine 2000-Euro-Strafe einfach so, mit einem gewöhnlichen Brief. Und wenn das durch Jahrzehnte geschieht, gewöhnt sich die Einwohnerschaft daran und verstirbt anschließend formlos. Aber in einen Postkastlland, wo jedes Einwohny einen Schlüssel hat für ein dichtes Kastl, wo die Post als Heiligtum bewahrt wird, tritt eine Einbildung auf. In den neuen Zustellfächern, die leicht bestohlen werden können, träte nach Jahrzehnten der Gewöhnung jene gewöhnliche europäische Schlamperei ein, wie sie eben bei den anderen Europäys normal der Fall ist: unamtlich, schlampig leben und dann verbleichen. Hast du aber in deinem armseligen Leben nichts außer einem hermetischen Briefkastl, so ist das dein Alles. Und du wirst persönlich zur Dreifaltigkeit. Nun haben wir also den Scherm auf. Wir haben uns als Erbschaft und können nun nicht mehr verschlampen. Denn wir haben einen großen Schatz, ein Briefkastl mit Schlüssel, jedes für sich ganz allein. Und ich bin sicher, dass das in Österreich genauso oft mit Gewalt aufgebrochen wird wie im übrigen durchschnittlichen Europa ihr schlampiges. Aber wir haben uns, während die Europys die Europys haben.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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