VOM GRILL

Orte des Abschieds

Steiermark Kultur | Mathias Grilj | aus FALTER 23/06 vom 07.06.2006

Der Bahnhof, natürlich. Eine letzte stürmische Umarmung und noch eine, dann wird dem Zug nachgewinkt, sinnlos lange. Der geliebte Mensch, der sich aus dem Fenster lehnt, ist längst nicht mehr auszumachen. Beim anderen Gleis drüben ist der Bahnhof Ort der Ankunft: Was für ein Jauchzen und Flattern von Armen und Küssen! Dann zieht man die Annenstraße hinunter, taucht einsam in den Smog der Stadt. Zum Ort des Abschieds wird vielleicht just jenes Café, wo man einander kennen gelernt hat, damals, als alles in Lachen und Sonne getunkt war. "Aber wir bleiben trotzdem Freunde, oder?" Man verbiegt sinnlos den Kaffeelöffel, knüllt ihn zum Klumpen und spürt: Jetzt hat sich der ganze Kosmos von dir abgewandt.

Der Friedhof, natürlich. Als einem Trauergast, der sich übrig geblieben vorkommt, sind mir Erdbestattungen lieber als das Verbrennen. Vor der Feuerhalle stehen die Leute, sobald der Rauch auftanzt und vom Wind zerrissen wird, so verloren herum, ihr Adieu geht ins Leere. Vor einem Grab bleibt immerhin der Trost, dass man bald wieder vorbeischauen kann, auf einen halben Dialog.

Der bezwungene Gipfel. Ein letzter Panoramablick. Man will all diese Schründe und Wolken und Nebel, diese unendliche Stille und Weite mitnehmen und behalten. Dann klirren die Karabiner, der Abstieg wird heikel.

Manchmal ist der Ort des Abschieds eine Glosse.


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