"Tiefstehend idiotisch"

Politik | Gerald John | aus FALTER 24/06 vom 14.06.2006

NS-ZEIT Ein neues Buch dokumentiert eindrucksvoll die Leidensgeschichten der in der Euthanasieklinik "Am Spiegelgrund" ermordeten Kinder.

Als der vierjährige Johann Kordasch im Dezember 1942 in die Klinik eingeliefert wird, fällt der Arzt ein vernichtendes Urteil. "Tiefstehend idiotisches Verhalten", vermerkt Heinrich Gross im Befund. Das Kind muss noch einige Untersuchungen ertragen, dann schickt die Anstalt die entscheidende Information nach Berlin: "Keinerlei Arbeitseinsatzfähigkeit zu erwarten." Zwei Monate später ist der Bauernbub tot.

Das heutige Otto-Wagner-Spital in Wien war während der NS-Zeit Schauplatz eines Massenmordes. In der Klinik Am Spiegelgrund malträtierten und töteten Ärzte Kinder, die als nutzlos für die "Volksgemeinschaft" galten. Die Zahl der Opfer ist unklar, doch ein neuer Band dokumentiert nun zumindest die Namen von 802 Patienten. In jahrelanger Kleinarbeit hat die Autorin Waltraud Häupl, deren Schwester auch am Spiegelgrund umgebracht wurde, obendrein die Leidensgeschichten von 543 Kindern rekonstruiert. Entstanden ist das erschütternde Dokument eines Massenmordes, dem eine Fotostrecke einen extraschaurigen Aspekt verleiht: Die Mehrzahl der Patientenbilder stammt vermutlich aus der Kamera jenes Doktor Gross, der nach 1945 als prominenter Arzt erst hofiert und später wegen Mordes angeklagt wurde. Zu einem Urteil kam es nicht. Gross starb vergangenen Dezember, einen Schlussstrich will Häupl dennoch nicht ziehen - und spricht die bescheidenen Gedenkstätten an, die "Schandmalen" glichen: "Es gibt noch vieles, das in Ordnung gebracht werden muss."


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