KUNST KURZ

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 26/06 vom 28.06.2006

Am Anfang der Retrospektive von Edward Krasinski in der Generali Foundation (bis 27.8.) steht eine Falle: Wer durch die einladend offene Tür mit dem Konterfei des polnischen Künstlers treten möchte, wird von der Saalaufsicht zurückgepfiffen: "Sorry, kein Durchgang." Ob es sich hier um konservatorische Rücksicht oder um eine Finte des Künstlers handelt, bleibt offen. Der Betrachter muss auf alle Fälle um die Stellwand herumgehen und trifft erst dort auf eine Spiegelinstallation, der er sonst frontal begegnet wäre. Der erste Ausstellungseindruck durch das Abschneiden der Diretissima stimmt aber insofern, als der vor zwei Jahren verstorbene Krasinski stets an einer erhöhten Raumwahrnehmung arbeitete. Auch mit einem anderen denkbar einfachen Mittel erreichte der Künstler sein Ziel: Ab Mitte der Sechzigerjahre erkor Krasinski blaues Scotch-Klebeband, das er fortan in 1,30 Meter Höhe horizontal anbrachte, zu seinem minimalistischen Kennzeichen. In der jetzigen Ausstellung verläuft es quer über eine Reihe von Objektbildern, die Bestandteile vom Atelier des Künstlers wie eine Türklinke oder eine Klospülung zieren.

Wo das Klebeband an die Streifen des Konzeptkünstlers Daniel Buren denken lässt, wirken Krasinskis Skulpturen hingegen eher rätselhaft, hermetisch und materialbezogen. Als "l'art pour l'art" werfen bemalte Mobiles Schatten, windet sich die Gummispirale "Komposition I" über den Boden oder hängt ein "Speer" von der Decke. In einer der bisher selten ausgestellten Fotoinszenierungen präsentiert sich Krasinski humorvoll als Träumer vor einem Stoffknäuel: "Ich habe das Ende verloren!!!" von 1969. Die Schau stellt mehrere Raumgestaltungen des Künstlers nach. Krasinski hat seine eigenwilligen Plastiken aus Holz, Eisen oder Seilen auf langen Sockeln präsentiert. Besonders stolz ist die Generali Foundation auf die Rekonstruktion von Krasinskis Beitrag zur Biennale in Tokio 1970, bei der blaue Gummischnüre aus stilisierten Büchern fließen.


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