Ein edler Faust

Steiermark Kultur | Johannes Frankfurter | aus FALTER 26/06 vom 28.06.2006

MUSIK Bei der Eröffnung der styriarte konnte man Nikolaus Harnoncourt mit dem Seziermesser erleben.

Wenn Nikolaus Harnoncourt und seine langjährigen musikalischen Weggefährten, das Chamber Orchestra of Europe und der Arnold Schoenberg Chor, im Grazer Stefaniensaal zur Eröffnung der styriarte an-und auftreten, dann ist allemal Jubelstimmung angesagt. Es ist ein Heimspiel, das immer auch als gesellschaftliches Ereignis abgefeiert wird. Der Maestro lässt hierorts - des 150. Todestages von Robert Schumann eingedenk - dessen "Faust-Szenen" erklingen, die er 1999 in Wien ausgegraben hat. Er macht sozusagen mit Mikroskop und Seziermesser, aber zugleich mit einem Höchstmaß an Leidenschaftlichkeit die Schrunden und Brüche dieses Werkes hörbar. Dadurch entlarvt er auch die klassizistischen Schönheitsphrasen nach der Art Mendelssohn-Bartholdy'scher Chorsätze und damit auch manche Längen des mystischen Jubels im dritten Teil, das biedere deutsche Singspiel der ersten Szene und das klischeehafte Dies-Irae-Pathos der Szene im Dom. Dem folgen in der "Zweiten Abteilung" wohl die neben der Ouvertüre interessantesten, weil impressionistisch flirrenden, eigenständigsten Schumann-Töne. Diesem Mittelteil würde man gerne öfters lauschen können, zumal hier Christian Gerhaher als baritonal-edler Faust und Alastar Miles als bass-böser Mephisto glänzten.

Das Eröffnungsspektakel am Samstag brachte viel (zu viel) Interessantes zwischen Multikulti-Folk und Klassischem von Barock bis heute in vorzüglichen Interpretationen - soweit es angesichts der ziemlich weit auseinander gezogenen Spielstätten und der Terminüberschneidungen auszumachen war. Da verlief sich das Publikum. Und die engagierten Künstler mit ihren gescheit gemachten Programmen hat man kaum glücklich gemacht.


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