STREIFENWEISE

Kultur | Joachim Schätz | aus FALTER 27/06 vom 05.07.2006

Ariel, der zappelige Protagonist und Off-Erzähler von "El abrazo partido", ist Enkel jüdischer Emigranten in Buenos Aires. Dass er nach den europäischen Wurzeln seiner Familie forscht, hat aber wenig mit Identitätssuche zu tun. Der spätpubertäre Anfangdreißiger will einen polnischen Pass, um nach Europa zu "flüchten". Weg aus der wirtschaftlichen Unsicherheit Argentiniens, aber auch weg aus dem verkorksten Leben in einer maroden Einkaufspassage, wo Ariel noch immer Unterwäsche verkauft und mit der kessen Blondine vom Café gegenüber ein heimliches Techtelmechtel hat, während sich sein Bruder erfolglos im Großhandel von Sprungfederkuscheltieren versucht. Mit der Lockerheit eines sicheren Geschichtenerzählers lässt Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Daniel Burman seinen vierten Film in allerhand Anekdoten über das Einkaufspassagensoziotop zerfransen, die meist gerade deswegen ansteckend lustig sind, weil sie sich dem lebhaften Spiel des Ensembles überlassen statt auf einfache Pointen abzuzielen. Dieser beiläufige Erzählfluss in torkelnden Handkamerafahrten gibt ein weit spannenderes Bild von argentinischen Identitätswirren ab als das Drama rund um Ariels verschwundenen Vater, das den Film gegen Ende an Tempo und Eigenwillen verlieren lässt.

Wackelkameras und problematische Vater-Sohn-Beziehungen bestimmen auch den Kärntner Slasherfilm "Silent Bloodnight". Nicht nur ist dort der Gehorsam des Sohns zu einem urwüchsigen Bauernpatriarchen der Grund allen Metzelns. Auch das Verhältnis dieser semiprofessionellen Stilübung der Feldkirchner Produktionsfirma Tigerline zu ihren Vorbildern im italienischen Giallo-Horrorfilm (Splatter, Kunstblut, nackte Frauen) lässt erdrückend wenig Raum für eigene Akzente und Ideen. Schon klar, der Slasherfilm ist das mechanischste Genre von allen. Aber es ist doch schade, dass sich das Lokalkolorit auf Mistgabelmorde und Tourismuswerbung beschränkt. Als ob es in Kärnten keinen anderen Horror gäbe.


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