Kopfball

Männertränen

Stadtleben | Eva Kreisky, Georg Spitaler | aus FALTER 27/06 vom 05.07.2006

Viele Medien jubeln, dass das maskuline Fußballimperium durch Frauen gebrochen wäre. In den Stadien und auf den städtischen Fußballmeilen Deutschlands tummeln sich zurzeit viele Mädchen und Frauen, Kameras fangen Fußballbilder von weiblichen Fans ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel fiebert auf der VIP-Tribüne mit und weist ihre Regierungskollegen (auch die weiblichen) zum Zwangsbesuch des Stadions an. Auch die Marktforschung hat den weiblichen Fan entdeckt und propagiert halbe-halbe für das urmännliche Fußballereignis. Schon vor zwei Jahren ergab eine Emnid-Umfrage, dass jeweils gut die Hälfte der Frauen und Männer in Deutschland wichtige Länderspiele im TV verfolgt. Heuer sind die Zahlen für beide Geschlechter noch höher.

Diese Diskussion ist nicht neu. Pünktlich zu fußballerischen internationalen Großereignissen wird um weibliches Publikum geworben, um kurz danach wieder zum männlichen Ligaalltag zurückzukehren. Dort hat sich in den letzten 15 Jahren wenig geändert. Zwar wurden aus den alten Stehplatzovalen hypermoderne Arenen, die auch frauentauglich sein sollen. Das Familienpublikum wurde zum Erfolgsrezept gegen die Gewalt der wilden Fußballkerle erklärt. Aber das macht noch keinen neuen Fußballfeminismus.

Modernisierung des Fußballs durch Integration von "Familienfrauen", die angeblich nur an hübschen Fußballerwaden interessiert sind, bringt die Paradoxien des männerbündischen Fußballuniversums nicht zum Verschwinden. Das Fußballfeld konserviert archaische Momente und Rituale in einer entzauberten Welt, die nach anderen Kriterien organisiert ist und Männern kaum noch legitime Räume für Leid oder auch positive Gemütsbewegungen lässt. Siege stimulieren "Stammesgesänge" wie "Wir fahren nach Berlin". Niederlagen bringen selbst harte Männer zum Weinen.


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