hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 28/06 vom 12.07.2006

der tag danach

es war kurz nachdem in berlin die lichter ausgingen und deutschland in einem meer aus freudentränen versank, als das schwarze pferd ein wiehern vernehmen ließ, das den braven bürgern von frohnleiten durch mark und bein ging. quietschfidel war es den ganzen tag über wald und wiesen getrabt, und der kleine rote ball abseits der koppel weilte unbeachtet in der tiefe des raums. irgendetwas musste in dem wohlgeformten stutenschädel vor sich gegangen sein, auf dass sie zu diesem schockartigen wiehern griff als letztem mittel gegen die bedrohliche übermacht des vormals ruhenden balls. eine standardsituation, sollte man denken. sollte man? knecht felix hatte sich nach einem unerlaubten schäferstündchen in der koppel in die nacht davonstehlen wollen, und just vor der tür, die der liederliche schürzenjäger verstohlen von innen aufdrückte, war jener ball gelegen, der sich alsbald in bewegung setzte und dem paarhufer den schrecken jäh in die glieder fahren ließ. derart in die defensive gedrängt, erschien dem tier der schnelle konter als wohlfeiles mittel. so schnell konnte der flinke junker gar nicht fersengeld geben, dass er nicht die blutgrätsche des pferdes schmerzlich in schenkel und gemächt gespürt hätte. und ein zweiter schrei durchschnitt die traurige nacht, die noch lange für hitzige debatten und aufgeregte gespräche sorgen sollte.


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