Kritik

Graz tanzt

Steiermark Kultur | aus FALTER 29/06 vom 19.07.2006

Immerhin. Bei den Dreharbeiten zu "Sailing Island" war die Murinsel, diese "Plaza des 21. Jahrhunderts" (Graz-2003-Intendant Wolfgang Lorenz), endlich wieder einmal bevölkert. Mit einer auf dem Life Ball angeheuerten Matrosentruppe, die dem Konsum von Happypillen grundsätzlich nicht abgeneigt zu sein schien, einer Dame, die auf dem Duisburger Vanessa-Mae-Look-alike-Wettbewerb den elften Platz errungen hat, und Tanzwütigen, die von ihrem Vorbild Fred Astaire so weit entfernt sind wie Grambach von Pjöngjang.

Der Story von "Sailing Island" liegt ordentliche Gehirnschmalzarbeit zugrunde ("die Murinsel begibt sich auf Weltreise, mit an Bord ist das Grazer Kulturleben"), und sollte der Film werbetaktisch ausgedient haben, gibt es immer noch andere Verwendungsmöglichkeiten: für die internationale Schuhfetischistenszene. High Heels hin, gelackte Werbeerotik her: Das präsenile Frauenbild ist keine Überraschung, die hochkarätige Mischung aus Pathos und Nonsens und anderen Peinlichkeiten, mit der sich Graz international verwechselbar macht, aber schon. Graz stöckelt, tanzt, das alles grell geschminkt und in einem Stakkatoschnitt, der Modernität symbolisieren soll: Frauen lieben Blumen, und das Leben ist ein Hit. Aufwendiges Durchschnittsfutter für die Werbewirtschaft. Curt Faudon hat Recht. Segel setzen und abreisen aus der heimlichen Tanzhauptstadt Südösterreichs. Lustiger wäre gewesen, wenn der Uhrturm auf Reisen gegangen wäre und sich vielleicht sogar in den Eiffelturm verliebt hätte. G.R.A.M.

G.R.A.M. ist eine 1987 gegründete Künstlergruppe in Graz.


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