hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 31/06 vom 02.08.2006

natur und wohnen

was aber bedeutet es, verschlafen mit badelatschen und unterhemd durch die stadt zu schlurfen, direkt aus dem bett ins café? verachtung für die verärgerten passanten, die in europas städten angeblich von nackten füßen und achselfreiheit belästigt werden, wie meine mama annehmen würde? im gegenteil. die im pyjama umherstreifenden sind sich ihrer rolle als free floating signifyer sehr wohl bewusst: hier bin ich, sagen sie, stadt und park sind doch auch irgendwie WG und da haben wir nix zu verbergen. so wird authentizität produziert, die sich auch in tourismuswerbespots gut macht. niemand will durch pittoreske gassen und malerische parkanlagen wandeln, um dann nur werktätige ohne tagesfreizeit anzutreffen, die von A nach B wollen. man will zu gast bei freunden sein. (bettler gibt es nicht viele und sie verströmen kaum lokalkoloriertes flair, sind also als standortfaktor wenig brauchbar.) das modell WG ist übrigens wieder im vormarsch, und manch gut gestellter redakteur, der sich noch über die behelligung durch fremder leute schlecht kaschierte problemzonen mokiert, wird nach verlust von freundin oder/und job selber in so einer nie wirklich privaten umgebung aufwachen. bei der kaffeemaschine wird er dann, die nacht noch in den augen, jemanden treffen. er wird freundlich grüßen und nicht wissen, ob und wann er diese person schon mal gesehen hat, bzw. ob er nicht langsam ein t-shirt anziehen sollte.


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