Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | A. T. | aus FALTER 33/06 vom 16.08.2006

Vernissage? Das bedeutet Einführungsrede! Der Architekturkritiker und Schriftsteller Friedrich Achleitner hielt eine solche bei einer Ausstellung von Architekturzeichnungen, sie geriet zu einer "Allzweckeinführung". Hier der Anfang: "Es ist statistisch und demografisch nachgewiesen, dass Eröffnungsreden weder gewünscht noch gebraucht werden, dass sie in den meisten Fällen nur als störend und als Unterbrechung empfunden werden, so wie eine Ausstellung das nette Beisammensein bei der Vernissage eigentlich nur stört.

Einführende Worte werden deshalb gesprochen, weil auf der Einladung jemand stehen muss, der einführende Worte spricht, weil man der Meinung ist, dass eine Ausstellung sonst nicht eröffnet werden kann. Diese einführenden Worte stören wiederum die Ausstellung, das Publikum und, wenn er noch einen Funken Anstand hat, auch den Einführenden. Darum ist es gar nicht mehr leicht möglich, einen Einführenden zu finden, obwohl es an Mangel an Anstand nicht mangeln würde. Einführende werden daher, wenn ein Galerist zwar nicht Anstand, aber doch Form bewahren will, ungefragt auf die Einladung gedruckt, weil damit einerseits das Versprechen und die Drohung, dass jemand eine Einführung spricht, in der Luft liegt, andererseits man immer noch hoffen kann, dass der Einführende nicht erscheint, was Anlass zu Empörung und Genugtuung in einem ist. Für den Einführenden bleibt wiederum nur ein Ausweg, sich für diese Vorgangsweise zu rächen, indem er die Einführung wirklich hält, womit der Form Genüge getan und die Vernissage doch einigermaßen gestört ist. (...)

Da Einführende in der Regel nicht honoriert werden (eine solche Investition wäre unter den gegebenen Bedingungen auch kaum zu verantworten), sind Einführende meist Freunde der Aussteller oder Ausstellenden: Trifft beides zu, kann man sich das Anhören der einführenden Worte überhaupt sparen."


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