Fragen sie Frau Andrea

Mahlzeit

Stadtleben | aus FALTER 33/06 vom 16.08.2006

Liebe Frau Andrea,

mir wurde von p.t. Arbeitskolleginnen zugetragen, dass der (in Wien ab 9 Uhr allgegenwärtige) Gruß "Mahlzeit" während der NS-Zeit in Wiens Amtsstuben Popularität erlangte, um anderen Grußformen zu entgehen. Bitte hochachtungsvoll um Ihr geschätztes Fachwissen,

herzlichst

Bernhard W. Litschauer-Hofer, Brigittenau

Lieber Bernhard,

in der Umgehung von Vorschriften macht den Wienern so schnell keiner was vor. Der Gruß "Mahlzeit" - eigentlich "Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Mahlzeit" - ist in Amtsstuben und Bürofluren auch heute noch populär. Er ist eine Reminiszenz an die Zeiten, in denen die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager mit Gefahr für Leib und Leben verbunden war. Gelernte Österreicher, Katholiken und Klerikalfaschisten begegneten einander mit der Aufforderung "Grüß Gott", Sozialisten zeigten Fahne mit dem solidarischen Gruß "Freundschaft" oder dem agnostischen "Guten Tag" - wienerisch "Daaag", ausgesprochen. Nationalsozialisten schließlich wünschten einander "Heil Hitler!". Ein gedeihliches Zusammenleben auf Beamtenebene war nur mit einer unverfänglichen Begrüßung möglich. Die wenig elegante, aber ungefährliche Grußform "Mahlzeit" umschiffte die Klippe, dem Falschen zur falschen Zeit das Falsche zu wünschen. Der Gruß "Mahlzeit" ist heute ab 9.58 Uhr möglich und kann getrost bis 15.15 Uhr verwendet werden. Er wird stets "hochdeutsch" ausgesprochen, was sich in etwa wie "Maalzett" anhören sollte, um authentisch zu wirken.


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