hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 34/06 vom 23.08.2006

das ende einer moralischen instanz

seine metaphern halfen uns, unser land im laufe der jahre besser zu verstehen. wortgewaltig vermochte er es, die konfrontation mit der vergangenheit (großvater! Ich mecht da so vü sagn was i erst jetzt versteh!), die drogengeschwängerten verwirrungen unserer jugend (gib mir mei überdosis gefühl!) und die wunden, die der zahn der zeit hinterließ (und i werd kalt und immer kälter) in kunst zu gießen.

für eine ganze generation wurde er zur leitfigur. bleiben werden seine worte, nicht seine werte. Zuletzt war es ruhig geworden um diesen unbequemen denker, dessen imposanter schnauzbart zum markenzeichen geworden war. wird durch sein langes schweigen und die dann folgenden enthüllungen (steiermark - da bin in her! und ich mag das gefühl dass ich da daham bin, immer! mehr! ) sein moralisierendes lebenswerk entwertet?

wer jetzt den werken des einstigen lieblingsgesellschaftskritikers (in unsrer hektomatik wöd! draht si olas nur um macht und göd) einer aufgeklärten linken die ästhetische legitimation entziehen will, möge über sein kunstverständnis auskunft geben! hat nicht sein langes schweigen und die ihn sicherlich ständig quälende scham uns erst jene kunstvollen perlen der selbstvergewisserung geschenkt (die zeit schmeckt heut schal, wie der fuffzigste tschik), die wir jahrelang dankbar aufnahmen? wir werden ihm noch weiter zuhören, doch wir werden wachsamer sein.


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