VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 34/06 vom 23.08.2006

Der Soziologe Reinhold Knoll schrieb, wohl unter dem Eindruck der Ära der rot-blauen Koalition und der Wahl Waldheims, eine sehr umfangreiche Satire über das Verschwinden der Republik, einen Vorgang, den wir Heutigen hier ja nicht aufhören zu beklagen.

Als eine der Ursachen dieses Verschwindens zog Knoll Folgendes in Betracht: "Im Rückblick ist wohl die Tatsache bestürzend, dass die Politik von den Medien gefangen gesetzt wurde. Das hieß, die Politik sah sich wie ein eitler Jüngling nur mehr in den Spiegeln der Medien (...). Also war Medienpolitik die Politik geworden und die Politik nur mehr ein Sektor der Medien. Es hatte damit begonnen, dass sich die Bundeskanzler zu schminken begannen, dann ihre Kleidung nach Medienwirksamkeit ausgesucht haben, dann verwendeten sie Floskeln der Mediensprache wie etwa "Wie ich im Fernsehen schon sagte", und schließlich agierten sie nur mehr in und durch die Medien. Somit wurde der Journalismus in solchem Maß aufgewertet, dass ein Chefredakteur in den vergleichbaren Rang eines Verfassungsgerichtspräsidenten kam oder ein Rundfunkintendant in den Status eines objektiven Richters, der jedoch nicht zu urteilen, sondern Regie zu führen beabsichtigte. Noch heute habe ich im Ohr, wie bei Heurigen Journalisten erklärten, dieser oder jener Politiker würde innerhalb ihres Ressorts entweder keine Rolle spielen dürfen oder erst gar keine erhalten. Ja, es wurde damals überhaupt viel gespielt. Daher war es bald zu sehen, wie schlecht Politiker ihre Rolle wirklich spielten, dass sie im Grunde Komparsen waren allein schon im Vergleich zu den Berufsschauspielern (...). Die Republik ist verspielt worden, wie man früher bei Bauern die Höfe verspielt hatte. Ein Bauer, der spielt, verdient nichts anderes, als ein Knecht zu werden. Dahingegen verdienen die Politiker noch allemal zu viel." A.T.


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