Rotzbrüder

Kultur | Joachim Schätz | aus FALTER 34/06 vom 23.08.2006

FILM Die Bestsellerverfilmung "Populärmusik aus Vittula" ist lebhaft, eingängig und unverfänglich.

Der erste Gag ist geklaut, aber immerhin bei "Dumm und dümmer": Ein Bergsteiger im Himalaja bleibt mit der Zunge an einem zugefrorenen Grabstein kleben. Solchermaßen am Ehrengrab seines Jugendfreundes Niila innehaltend, erzählt Matti uns die Geschichte ihres gemeinsamen Aufwachsens in der schwedischen Provinz der Sechziger-und Siebzigerjahre.

Pajala heißt der (tatsächlich existierende) Ort im nördlichsten Winkel von Schweden, dessen Einwohner sich zwar nicht als richtige Schweden fühlen, mit den benachbarten Finnen aber genauso in erbittertem Konkurrenzkampf um Trinkfestigkeit und Dampfsaunakondition stehen. Auch filmisch bleibt Pajala seltsam unbestimmt: ein Niemandsland, in dem sich rustikale Skandinavierklischees, derbe Körperkomik und ausgebleichter 70er-Retro-Look lautstark Gute Nacht sagen.

Die Geschichte vom Älterwerden der beiden Außenseiter Matti und Niila läuft die meiste Zeit über auf Autopilot von Anekdote zu Anekdote, während sich Regisseur Reza Bagher eher auf die sorgfältige Umsetzung heiterer Details konzentriert: Statt die frisch geschlossene Freundschaft mit Blut zu besiegeln, schluckt Niila Mattis zärtlich überreichten Rotz. Und wenn die beiden Buben zum ersten Mal die Beatles-Version von Chuck Berrys "Rock and Roll Music" hören, dann beginnt das ganze Zimmer wild zu rotieren und drückt sie gegen die Wand: ein popkulturelles Bekehrungserlebnis, das in der Pubertät zur Gründung einer gemeinsamen Rockband und zum endgültigen Zerwürfnis Niilas mit seinem prügelnden Vater führen wird.

Aber auch das Drama um die bizarre Gewaltdynamik in Niilas christlich fundamentaler Familie rattert zügig und weitgehend schmerzlos an uns vorbei. Ein Film wie ein MP3-Player im Anspielmodus.

Ab 25.8. in den Kinos (OmU im Votiv)


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