Fragen Sie Frau Andrea

Entschuldigen!

Stadtleben | aus FALTER 35/06 vom 30.08.2006

Liebe Frau Andrea,

in Wien (und Teilen Österreichs) scheint es notwendig zu sein, sich beim Eintritt in ein Geschäft bzw. beim Aussprechen eines Wunsches in einem Laden oder einer Gaststätte zu entschuldigen. Müssen wir das? Und wenn ja, wofür? Was ist das für eine seltsame Sitte? Der oder die Kunde ist doch König! Oder etwa nicht? Bitte um Aufklärung,

Claudia Becker, Wieden

Liebe Claudia,

wie viele österreichische Üblichkeiten ist auch diese so alt wie unausrottbar. Sie stammt aus den gar nicht so guten Zeiten der Monarchie, wo einander in Geschäften Dienende verschiedener Herkunft begegneten. Bürgertum und Aristokratie gingen damals nicht selbst einkaufen, sondern ließen das von geknechteten und entrechteten Menschen, dem damals so genannten "Personal", durchführen. Das "Personal" traf in einem Geschäft auf standesmäßig höherstehende Verkäufer oder gar den Geschäftsinhaber, der meist auch dem Bürgertum angehörte. Eine Entschuldigung für die "Störung" und das höfliche Vortragen der Einkaufsliste gehörten zum üblichen Ton in einem Geschäft. Anders der Umgang mit der Kunde (der bürgerlichen Bekanntschaft) eines Geschäfts. Die begegnete ohne Entschuldigung. Auf Augenhöhe einzukaufen war Nichtbürgerlichen und Nichtaristokraten nur am Markt möglich. Hier entschuldigte sich niemand für Störungen. Hier wird auch heute noch saftig miteinander geschrien und weder gebeten noch gebuckelt. Hier ist die Verkaufswelt aufgeklärt und psychosozial entösterreicht.


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