SPIELPLAN

Kultur | Christopher Wurmdobler, Wolfgang Kralicek | aus FALTER 36/06 vom 06.09.2006

Each man kills the thing he loves", singt Miriam Goldschmidt, und es ist wunderbar. Dasselbe Lied sang bereits ebenso wunderbar Jeanne Moreau in Fassbinders Jean-Genet-Verfilmung "Querelle", und ein bisschen erinnert der Abend, den Regisseur und Autor Peter Kern mit seinem Genet-inspirierten Stück "Liebesgesänge I-II" (bis 23.9.) im dietheater Künstlerhaus zeigt, auch an Fassbinder: Schwüle, Schwule, Mörder und Verbrecher, dazwischen eine alternde Diva (Goldschmidt). Dass sie im Rollstuhl sitzt, hat seinen Grund: "Gehen Sie nicht, Sie fallen nur", warnt sie in einem weiteren tollen Song, live begleitet von Schlagzeuger und Gitarrist. Ansonsten überlässt man das Singen aber lieber Andreas Bieber, dem vielbegabten Musicaldarsteller, der unlängst in der queeren Punkrockoper "Hedwig" im Metropol brillierte. Klar, die Welt von Jean Genet (Kern zitiert im ersten Teil ein bisschen rastlos dessen Knastfilm "Un chant d'amour") ist hart, bizarr und sehr politisch. Die Darsteller (sexy: Oliver Rosskopf als obsessiver Messerstecher, gebrechlich: Heinrich Herki als Divengatte) gehen aufs Ganze, die tolle Wendung am Ende kommt überraschend. Man hat Mut zu viel Kunstblut, Echtschweiß und Pathos; der eine oder andere Liebesgesang mehr hätte dem Stück aber auch nicht geschadet.

Im Burgtheater begann die Saison mit der Wien-Premiere von Martin KusÇejs Nestroy-Inszenierung "Höllenangst", die im Sommer bereits bei den Salzburger Festspielen zu sehen war (der Falter berichtete). In seiner bis auf weiteres letzten Arbeit am Burgtheater - KusÇej hat öffentlich verkündet, er werde unter dem neuen Direktor Matthias Hartmann einen großen Bogen um das Haus machen - versucht der Regisseur zweierlei: Er will einerseits den bitteren Kern der klassenkämpferischen Paranoiaposse freilegen, andererseits aber auch kein Spaßverderber sein. Beides gelingt phasenweise sehr überzeugend, zwischendurch hat der Abend allerdings auch Längen. Trotzdem: ein starker Abgang.


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