Wir Opfer

Politik | Marlene Streeruwitz | aus FALTER 37/06 vom 13.09.2006

ESSAY Neid und Idealisierung nehmen die Geschichte der Natascha Kampusch in Besitz, sie wird tausendfach umgeschrieben, berichtigt und benutzt. Distanz scheint unmöglich. Wenn Opfer ihre Erzählung verteidigen, bleibt ihnen nur eine Form, die sie noch einmal beraubt.

Am interessantesten ist der Neid. Wenn Anrufer in TV-Diskussionen hinein gleich die ganze Angelegenheit bezweifeln. Wenn die postfeministischen puls-tv-Moderatorinnen den Namen so gelangweilt dehnen und sofort eine Religionswissenschaftlerin aufgefahren wird, den Heiligenstatus von Natascha Kampusch zu bestätigen. Wenn in der Straßenbahn dieser Satz fällt, dass "Die" sich doch sicher längst befreien hätte können. Wenn "Die" das wirklich gewollt hätte, hätte "Die" das gekonnt, wird vermutet und sehr bedeutungsvoll genickt. "Eine komische G'schicht. Eine wirklich komische G'schicht ist das", sagt dieser soignierte ältere Herr im Café Eiles und greift kopfschüttelnd nach der Kronen Zeitung mit dem Kampusch-Interview.


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