HILFE NACH STRAFTATEN

"Die Opfer gehen leer aus"

Politik | Matthias G. Bernold | aus FALTER 37/06 vom 13.09.2006

Udo Jesionek, Präsident der Verbrechensopferhilfeorganisation Weißer Ring, war einer der Ersten, der Natascha Kampusch als Berater zur Seite stand. Kampusch kannte den ehemaligen Präsidenten des Jugendgerichtshofs aus der Ö1-Sendung "Von Tag zu Tag", die sie während ihrer Gefangenschaft hörte. Jesionek wählte für die 18-Jährige ärztliche und juristische Berater und bis heute verhandelt er mit Institutionen und Behörden, um Kampusch eine finanzielle Grundlage für ihr weiteres Leben zu verschaffen.

Drei Schlüsse zieht er aus dem Fall. Erstens: Es braucht einen staatlichen Schmerzensgeldvorschuss. "Immer dann, wenn einem Verbrechensopfer durch das Strafgericht ein konkreter Schadenersatzbetrag zugesprochen wird, sollte die Möglichkeit geschaffen werden, dass dieser Betrag - zumindest bedürftigen Opfern - vom Staat vorgeschossen wird. Später kann sich der Staat am schuldig gesprochenen Täter schadlos halten." Zweitens wünscht sich Jesionek einen Exekutionsvorrang für Verbrechensopfer ähnlich den Unterhaltsansprüchen, der sie beim Zugriff auf das Vermögen der Täter privilegiert. "Momentan ist es ja so, dass das Opfer sehr lange warten muss, bis ihm das Gericht einen Anspruch zuerkennt. Und in der Zwischenzeit haben sich schon alle anderen Gläubiger am Vermögen des Täters bedient, sodass das Opfer leer ausgeht." Drittens fordert Jesionek, einen Teil der Einnahmen aus Geldstrafen und Geldbußen für die Verbrechensopferhilfe zweckzubinden: Österreich habe in den letzten Jahren jährlich rund 35 Millionen Euro über Strafen eingenommen und nur etwa zwei Millionen Euro für Entschädigungen nach dem Verbrechensopfergesetz und für Prozessbegleitung aufgewendet.

Die Erhöhung des Strafrahmens bei dramatischen Entführungsfällen hält Jesionek für sinnvoll. "Oft hapert es aber bei den Urteilen. Wenn Sie sich überlegen, dass der Saliera-Dieb vier Jahre Haft bekommt und Polizisten, die einen Afrikaner foltern, ein paar Monate bedingt, dann stimmt doch etwas nicht. Das ist doch Wahnsinn."


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