VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 38/06 vom 20.09.2006

Manchmal ist man doch verdutzt. Etwa, wenn man im Kulturteil der Ausgabe 18/1986 eine Spalte findet, lapidar mit "Notiz" betitelt und mit dem Untertitel: "Über Fleischfresser, Todesküchen und Köpfe." Der Text von Andreas Wolkerstorfer bringt dann nichts anderes als angekündigt: "Ich lebe unter Menschen, die Fleisch verzehren. Ich bin in einer Welt von Fleischverzehrern und in einer Welt der Todesküchen der Fleischverzehrer ausgesetzt. Verlasse ich das Haus, muss ich, will ich Menschen sehen, in die Gesichter von Fleischfressern schauen, die sich in ihrer durch den Tierkadavergenuss entstandenen Verstandesdumpfheit wohlfühlen und die sich, während sie Leichenteile verzehren und Leichenteile verdauen, überhaupt keine Gedanken machen können über ihre in geistiger Indolenz verbrachte Mörderexistenz, denn sie essen immer Leichenteile und verdauen immer Leichenteile und könnten ohne die Kadaverprodukte ihrer Todesküchen überhaupt nicht weiterleben. Sie gehen mit den einverleibten Leichenteilen ihrer Wege, verrichten mit den einverleibten Leichenteilen ihre Arbeit und liegen mit den einverleibten Leichenteilen in ihren Betten.

Gehe ich in ein Gasthaus, liefere ich mich dem Gestank von verbrannten Tierfetten und dem Gestank von Blutwürsten und dem Gestank von Schweinebraten und dem Gestank von Rinderhirnbraten und dem Gestank von Hirschlungenbraten aus, denn die Menschen, unter denen ich leben muss, verzehren auch Lungen und Gehirne der Tiere, die sie nachts und in großen Schlachthöfen rücksichtslos um ihr Leben bringen. Nicht nur im Schlachten der Tiere haben die Menschen eine blutdurstige und haltlose Fertigkeit erreicht, auch in der Zubereitung der Kadaver rühmen sie sich der Größe ihrer Kochkunst, ich denke etwa an die weitverbreitete Wiener Küche, eine ausnahmslose Todesküche." So ging es weiter bis zum lapidaren Schluss: "Geschrieben an einem Feiertag im Bett liegend." A.T.


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