Kommentar

Klage eines Kulturredakteurs

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 38/06 vom 20.09.2006

Im Rahmen einer Lesung aus ihrem jüngsten Roman antwortete Marlene Streeruwitz unlängst auf die rhetorische Versicherung einer Zuhörerin, sie wolle ja nicht jammern, aber ..., mit der Feststellung: "Es wird eh viel zu wenig gejammert." Wenn ich Streeruwitz recht verstehe, hat sie Recht. Unter "jammern" wäre dann nämlich nicht jenes in Wien überaus beliebte Sudern zu verstehen, mit dem man den eigenen Opferstatus zelebriert und sich der Sinnlosigkeit jeglichen Handelns und Aufbegehrens versichert, sondern so ziemlich das genaue Gegenteil. "Jammern" wäre dann nicht der Auftakt zur wohligen Selbstauflösung im konturlosen Kollektiv der Gedemütigten und Gepeinigten, denen "die da oben" eh nur auf den Kopf scheißen, sondern eine politische Haltung, die Verluste, Verstöße und Verletzungen registriert und so einen Antagonismus nicht als statisch und schicksalhaft ("nutzt eh nix"), sondern als veränderbar begreift.

Jammerer gelten als dumm und feige, dabei erfordert es oft mehr Mut,


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