Fragen Sie Frau Andrea

Tuchlaubenkunde

Stadtleben | aus FALTER 38/06 vom 20.09.2006

Liebe Frau Andrea,

Sommerzeit, das hieß für mich und meinen Freund Micha Tuchlauben-Eis-Zeit. Und weil es in der Nähe des besagten Eissalons ein nettes Kino gibt und auch ein nettes Café und die Brotbörse in der Bäckerei und überhaupt, halten wir uns ziemlich oft in der Straße mit dem Namen "Tuchlauben" auf. Aber bitte, Frau Andrea: Welche Präposition verwendet man in Verbindung mit den Tuchlauben? Was sagt man, wenn man am Telefon gefragt wird, wo man sich gerade befinde? Auf den Tuchlauben? An den Tuchlauben? Bei den Tuchlauben? Bitte dringend um Aufklärung!

Viele Grüße,

Franz Berger

Lieber Franz,

die Straße Ihres Lieblingseissalons ist nach den offenen, vor die Häuser gebauten Laubenhallen genannt, in der im Mittelalter die Tuchhändler ihre Ballen zum Verkauf auslegten. Die Silbe "Tuch" im Toponym Tuchlauben wird kurz ausgesprochen, ganz wie im Wort Tuchent, mit der die Wiener ihre Bettdecke bezeichnen. Streng genommen sprechen wir von einer Straße, die heute "nicht unter den ehemaligen Tuchlauben" heißen müsste, da wir mangels Existenz eben jener Tuchlauben weder vor, unter noch durch diese gehen können. Die nicht mehr vorhandenen Tuchlauben imaginiert, befände sich Ihr Eissalon "unter einer der Tuchlauben", am Telefon müssten Sie unterscheiden, "vor den Tuchlauben zu stehen", schnellen Schritts "durch die Tuchlauben" zu eilen oder "unter ihnen" zu warten. Wienerisch korrekt können Sie sich stets "in der Tuchlauben" aufhalten.


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