KUNST KURZ

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 39/06 vom 27.09.2006

Der Fortschritt ist groß, die Technik famos; jetzt hab'n s' sogar die Sonnenstrahl'n abg'richt zum Mal'n", dichtete Johann Nestroy im Erfindungsjahr der ersten Fototechnik Daguerrotypie 1839 spöttisch. Auf dem Porträt, das viele Jahre später von dem Satiriker entstand, blickt Nestroy ernst und stolz. Ein Lächeln wäre technisch nur als gefrorenes Grinsen einzufangen gewesen: Die langen Belichtungszeiten erlaubten keine Bewegung. Was nicht heißt, dass in den Gesichtsausdrücken der ungeheuer scharfen, kleinodhaften Abbilder der Daguerreotypie-Ausstellung "Inkunabeln einer neuen Zeit" in der Albertina (bis 19.11.) nichts zu lesen wäre. Das "Gruppenporträt mit Kindern" von Wilhelm Horn 1845 zeigt äußerst selbstbewusste kleine Zylinderträger, die ihren steifen Kragen gerecht werden. Dem Bühnenmaler und Panoramenkonstrukteur Louis Jacques Mandé Daguerre gelang es als Erstem, Bildprojektionen auf Silberplatten chemisch zu fixieren. In Wien wurde diese technische Sensation von dem Mathematiker Andreas von Ettingshausen aufgegriffen, der unter anderem mikroskopische Bilder von Pflanzen festhielt. Dieses Verfahren lockte bald viele Schaulustige in öffentliche Vorführungen.

Die prächtige Albertina-Schau präsentiert die österreichischen Pioniere der Daguerreotypie. Gezeigt wird das Porträtobjektiv, das eine Gruppe von Wissenschaftlern nach dem von Joseph Maximilian Petzval berechneten Entwurf baute und das einen riesigen Fortschritt bedeutete. Neunzig Prozent der erhaltenen Daguerreotypien sind Porträts. Darunter befinden sich aber nicht nur Studiobilder, sondern auch ungewöhnliche Aufnahmen, etwa von Erzherzog Ferdinand bei Schreibtischarbeit auf der Terrasse oder von der Kutschenfahrt einer voluminösen Dame. Die Stadtansichten der damaligen Zeit nehmen spätere Postkartenmotive vorweg. Daguerreotypien dienten bald als Vorlagen für Lithografien. Und wie bei der Erfindung jeder anderen Bildtechnik richtete sich die Linse umgehend auf nackte weibliche Haut.


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