hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 40/06 vom 04.10.2006

Freizeit

Auch ohne neuen Sling Shot und Heino war die Grazer Messe immer eine ausgesprochen geile Angelegenheit. Seit 1906 (!) diente sie dem edlen Verschwenden von Freizeit und Jugend, und das, obwohl es damals Freizeit noch gar nicht gab. Die Industrialisierung hatte zwar schon eingesetzt, die Monarchen aber warnten, dass eine " Beschränkung der Arbeitszeit auch die Förderung des Müßiggangs und der alkoholistischen Geselligkeit" mit sich brächte. Das ist heute anders: Immerhin kurbelt der alkoholistische und sonstige Müßiggang ja den Konsum an, und der liegt sowieso darnieder wie nach 15 Sturm. Maschinen wie Sling Shot, Turbo Booster und Fun Jump könnten theoretisch die ganze Arbeit für uns erledigen, aber das wäre auch schlecht, weil wir dann zwar Freizeit hätten, aber keine Kaufkraft. Man sollte also immer voll beschäftigt sein, und möglichst auch auf der Herbstmesse sein Handy eingeschaltet haben. So dienen wir dem Wirtschaftsstandort, der ja frisches Kapital braucht wie einen Bissen Brot. Das Kapital aber ist kein Bissen Brot sondern ein scheues Reh. Es hatte irgendwo in Raaba seine Mutter verloren und war bei Morgenrot ganz panisch mitten im Messegelände aufgetaucht. Wir waren gerade aus dem Sling Shot gekommen, torkelten ein paar Schritte auf das scheue Ding zu, und erbrachen unser Frühstück. Schon war es wieder weg. Wir hatten dem Standort an diesem Tag einen sehr schlechten Dienst erwiesen.


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