Melancholie am 1. Oktober

Politik | Hermes Phettberg | aus FALTER 40/06 vom 04.10.2006

WAHLWATCH II Da ich heuer im Hochsommer nackt zu schlafen erlernte, müsste auch ein Bundeskanzler Gusenbauer zu ertragen sein.

Im Sommer liegst du schnell irgendwo nackt und schläfst ein, so richtig begreifst du erst die Idee des Nacktschlafens, wenn's huschhusch wird und du dich zudeckst, denn da bildet sich zwischen deiner Haut und dem Übernächsten nach der Haut ein Klima, und da lernte ich, wie der Körper einheizt. Was der draufhat. Wenn die Decke dicht ist. Und schon bin ich unerträglich, wie ich jubele und alle missioniere, nackt zu schlafen zu beginnen. Also bin ich gar nicht so arm, als ich dachte, als der Gerald John unbedingt wollte, ich müsse über mein Fernsehen am Wahlabend schreiben. Zuerst dachte ich, der Josef Broukal würde mir fehlen, weil das Schönste wäre immer gewesen, wenn er sich geschnitten fühlte durch Horst Friedrich Mayer, den Hauptzibler, und er sich als Zweitzibler zu fühlen begann, denn Wahlabende sind im Prinzip anders angelegt als Fußballolympiaden, wo immer erst am Ende des Abends, oft erst nach etlichen Elfmeterschießereien, feststeht, wer Weltmeister ist, bei der Hochrechnung an Wahlen vergeht nur eine Sekunde, und du weißt alles. Aber das ist wie beim Schlafenlernen, du musst Kleinigkeiten studieren beginnen.

Also Broukal kränkt sich nicht mehr und der junge Martin Ganster im Privatsender ATV ist schon niedlich, früher, als er noch Chronik moderierte, trug er dazu versaute Bluejeans, und die Spechtlys von der Kamera knallten ihm voll in den Schritt. Natürlich, natürlich ist Gusenbauer viel zu dicklich, und Schüssel trägt ja seit seinen Mascherln überhaupt Krawatten, sodass du gar nicht mehr auf seinen Schritt spechtelst, und den Namen des Puls-TV-Ankermans, der im ProSieben-Austria-Loch immer steckt, finde ich selbst nach einer halben Stunde auf deren Homepage nicht heraus, der kann aber noch Hochdeutsch reden, das heißt, du musst als Zusehy hocken und langwierig alles wieder zurückübersetzen, was er mühsam ins Hochdeutsche übersetzt. Im Fußball interessiert mich ja auch nur mehr, wie es die Hosenindustrie anlegen wird, ihnen wieder knallenge Höschen zu verpassen. Österreich hat ja überhaupt seit Jahren kein Fußballmatch gewonnen. Und wie die Dusl, wenn Fußballweltmeisterschaft ist, fiebert, fiebere ich schon ein bisschen an Nationalratswahlen herum, die mein Fußball sind sozusagen. Zum Beispiel treffe ich alle vier Jahre, wenn ich zur Wahl gehe, die Malerin und Bühnenbildnerin Uschi Hübner, zur selben Sekunde, und wenn sie nicht gleich kommt, setze ich mich fünf Minuten auf den Gang in der Marchettigassen-Schule, wo das Wahllokal ist. Wir haben uns aber nicht verabredet, wir gingen dann oder dann, sondern, die Spielregel lautet, vier Jahre schweigen und dann Wahlen, Achtung, los.

Und ich glaube ja auch nicht, dass der Oberhauser als neuer Chef in den Fernsehnachrichten musischer sein wird oder mehr auf versaute Bluejeans drängen wird als der noch nunige Professor Mück, als den ihn der eingeschüchterte Gusenbauer ständig titulierte. Also überhaupt Van der Bellen, der Meinige, sitzt dem Westenthaler gegenüber und frägt ihn, als der sich als "bürgerlich" bezeichnet, ob der sich ernsthaft als "bürgerlich" bezeichnen würde. Das sind die Feinheiten, denn das ist griechisch-römisch: Also saßen Mück und Kanzler Schüssel, abgewählt und betropetzt, wiewohl schon Oktober war, am 1. Oktober ganz melancholisch in der Elefantenrunde, und Gusi und Belli und die Hetzer ihm gegenüber. Natürlich zittere ich von Herzen, dass der Westenthaler noch hinausgeschmissen wird, weil er hat nur zwei Zehntel Prozentpunkte über der Mindestzulassung. Und das wäre schon ein Unterhaltungsverlust, wenn er, der mich immer öfter an Lukas Resetarits gemahnt, wenn der hinausgeschmissen würde. Der Parlamentspräsident ihn beim Kragen packte und ihn hinauspraktizierte. Da hätten wir natürlich weniger Entertainment, wenn der geschwollen redende Zahntechniker, der sich angewöhnte, von seinen Patienten das Reden zu lernen, und uns vor den Ausländern so blamiert, wenn er redet. Denn seine Klientel ist so mies drauf, dass sie gar nicht merkten, wie sich die Orangen bemühten, nicht gar so blau daherzukommen wie die Strache-Partie. Und Gusenbauer kriegte einen Lachanfall, als der Schüssel berichtete, dass er jetzt am Ende des Wahlkampfes ganz blaugeschlagene Schultern schon hätte, die seine Umgebung im blauklopfte aus Lobhudelei. Es war für mich schon das, was für eurereins die Fußball-WM darstellt, alle vier Jahre.

Vielleicht hier noch die Highlights: Also sehr gut ist Gerald Gross, der Hauptzibler, wenn er auf sein Pult schaut und verwirrt ist, ich würde dem Kabelsender W24, dessen Hauptmoderator Herbert Hrabal ist und eine animierte Zeichentrickpuppe, raten, diese Momente abzuscannen, damit der auch schauen kann wie Gross in der Not. Ich dachte immer, Gross sei der Rote und Ingrid Thurnher die Schwarze, aber niedergeschlagen wirkten beide doch sehr. Lustig hatte es Lou Lorenz, wo der Hans-Peter Martin fast schon zu raufen begann mit ihr, weil sie ihn nicht sagen ließ, dass der ORF scheiße sei. Richtig lustig aber wäre gewesen, wenn sie ihm geantwortet hätte, ob er denn dächte, dass er selber nicht scheiße sei? Der wirkliche Oscar aber gebührt Molterer, der so erstmals sich so richtig freispielte, als Schüssel, sein Chef, nun wohl besiegt war, und aber als er hinter ihm bei dem Schlussinterview stehen musste, dreinschaute wie bei einem ganz großen Begräbnis. Er troff, wie Hollywood es nicht besser träfe. Und wer wird pastoral am Westenthaler üben? Gut, die Familie Khol hat dann viel Freizeit, und Westenthaler wird oft zu Besuch sein, und sie werden ihn hinkriegen. Denn der Westenthaler braucht einen, der ihn pastoriert. Ich bräuchte auch wen, denn der Mück ist mir zu süffisant und der Oberhauser zu robust. Fernsehen ist nur gut, wenn es viele Stunden dauert ohne Zeitlimit, sodass ihnen in der Elefantenrunde schon schön fad wurde und sie nicht mehr wussten, was sie reden sollten. Und unser Chef Armin Thurnher hat schon einen Hund, einen gelben Labrador, mit so großen Augen. Und der Open-End-"Club 2" wird nie wieder kommen. Vielleicht kommt Westenthaler doch ins Parlament. Es heißt ja, du sollst zwei Tiere halten, damit sie einander haben. Nur ich bin allein.


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