FILMWISSENSCHAFT

Kunst des Vorspanns

Extra | aus FALTER 40/06 vom 04.10.2006

Fiel Ihnen eigentlich schon einmal auf, wie viele aktuelle Kinospielfilme mit dem Erwachen ihrer Hauptfigur beginnen? Falls nicht, wäre das nicht weiter verwunderlich, handelt es sich beim Vorspann um jenen prekären Eingangsbereich, in dem der Film um die Aufmerksamkeit des Publikums noch buhlt. Und dabei, wie es der französische Filmwissenschaftler Roger Odin formuliert, alles daransetzt, "mich von dem loszulösen, was mich noch an den Kinosaal bindet: von meinem Sitz, in dem ich nicht wirklich bequem sitze, den Geräuschen um mich herum, die mich immer noch ablenken, den Leuten neben mir, mit denen ich die Unterhaltung abbrechen muss". Dem Vorspann - und nur ihm - ist die Aufsatzkompilation gewidmet, deren zwölf Aufsätze sich ausschließlich auf Filmbeginne des klassischen Erzählkinos konzentrieren.

Was es mit dem Erwachen bei Filmbeginn auf sich hat, beantwortet Dirk Schaefer im dichtesten und schönsten Aufsatz von "Das Buch zum Vorspann": Wenn Filme "schon mal anfangen", während die Titel noch laufen, drehen sie sich oft "um genau solche Momente, die aus der Filmerzählung sonst meist entfernt werden, um Zeit zu sparen. Im ,integrierten' Titelvorspann aber geht es darum, Zeit zu verlieren, die Filmhandlung sozusagen auf der Stelle treten zu lassen." Vielleicht ist es mitunter gerade das, was am Vorspann fasziniert: der kurze Luxus, Zeit zu verlieren, bevor sich der Film der Erzählökonomie beugt. M. M.

Alexander Böhnke, Rembert Hüser und Georg Stanitzek: Das Buch zum Vorspann: The title is a shot. Berlin 2006 (Vorwerk 8). 184 S., E 19,60


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